Architektur

Mit ihrem Neubau des Schlesischen Museums im polnischen Katowice schufen die Grazer Architekten Riegler Riewe ein kulturelles Bergwerk im Untergrund

Schweigend deutet die bejahrte Museumswärterin auf einen der 24 Sitze, die um die riesige hölzerne Trommel angeordnet sind. Fügsam setzt man sich, dann drückt sie mit dem Fuß auf den Schalter am Boden. Es beginnt zu sirren und zu rattern. Schaut man durch die doppelten Gucklöcher, schieben sich plastische, schwarzweiße Bilder von rechts nach links durch, manchmal holpern und verrutschen sie leicht. Was hier so rührend mechanisch rattert, ist ein über 100 Jahre altes Stereoskop im Schlesischen Museum im polnischen Katowice. Die Fotos zeigen rußverschmierte Bergmänner, katholische Nonnen, Gründerzeit-Bauten der boomenden Industriestadt um die Jahrhundertwende, die um 1850 noch ein Dorf war, aber auch Bauten aus der jungen polnischen Republik der 1920er-Jahre wie den expressionistischen Wolkenkratzer Drapacz Chmur.

Auch heute findet man noch reichlich rußgeschwärzte Fassaden in Schlesien, aber sie verschwinden zusehends. Zwar prägt der Bergbau in der 300.000-Einwohner-Stadt noch die Identität, aber riesige Brownfields zerfallender Schwerindustrie künden auch hier vom Ende einer Ära. Ähnlich wie in Bilbao, Manchester oder dem Ruhrgebiet ist der Wechsel zu Dienstleistung, Kultur und Bildung längst im Gange.

Wieder hat Zaha Hadid einen Preis bekommen, wieder gibt es große Aufregung. Dürfen Architekten für Diktatoren bauen? Sind sie für tote indische Bauarbeiter verantwortlich?

Der musikerfahrene Schriftsteller Max Goldt verglich einst mit federleicht-ambivalentem Snobismus die Bewunderung prunkvoller Bauten aus alten Zeiten mit dem Hören der A-Seite eine Platte. Die weniger schöne B-Seite "Hunderte müssen schlechtbezahlt schuften, damit irgendein Landfürst unter Schnörkellüstern Bouillon schlürfen kann" höre man sich nur einmal an, die A-Seite dagegen summe man noch nach Jahrzehnten mit.

Tatsächlich sind die Weltkulturbauten, die unter lupenrein demokratischen Bedingungen mit fairen Sozialleistungen entstanden, zweifellos in der Minderheit. Doch in den Top Seven der Weltwunder wird eben nur der Hit "Pyramiden" gespielt und nicht das Klagelied der Schuftenden, die Monumente für mumifizierte Bauherren errichteten.

Ein brandneues Bauwerk, ebenfalls einem Toten gewidmet, sorgt zurzeit für Debatten über die Balance zwischen A- und B-Seite der Architektur: Das 2013 eröffnete Heydar Alijev Center in Baku, erbaut von Zaha Hadid, wurde mit dem Design Award des Londoner Design Museum ausgezeichnet. Nicht zum ersten Mal erhob sich darauf Kritik, vor allem in britischen Medien.

Die Ausstellung "Loose Ends" in Innsbruck entdeckt das radikal regionale Werk der 62-jährigen sizilianischen Architektin Maria Giuseppina Grasso Cannizzo

Azurblaues Meer, gleißendes Licht, Zitronenhaine, pittoresk abblätternder Putz in Gässchen, die nach frischem Süßgebäck duften. Nicht nur zur Urlaubszeit der Stoff, aus dem Träume von Sizilien gemacht sind. Dass die süditalienische Insel auch ganz andere Assoziationswelten hervorruft, dessen kann man sich zurzeit im Innsbrucker aut. (Architektur und Tirol) vergewissern, und das mit allen Sinnen.

Schwarze Wände, ein tiefer Stahltank, in den eine so steile wie fragile Metallstiege dunkel abtaucht, um über einer Spiegelfläche aus schwarzem Öl zu enden. Über einem anderen Schacht klappt ein stählerner Deckel langsam auf und zu und lässt oranges Licht aus einem Spalt hervor scheinen. Aus einem dritten klingt leises, schwer zu verortendes Wellensittichgezirpe.

Es ist eine Architekturschau der anderen Art, die maßgeschneidert ist für das postindustrielle Ambiente des ehemaligen Adam-Bräu-Kesselhauses. Keine Hochglanzposter, sondern ein sinnliches Bühnenbild für die Arbeitsmethodik einer eigensinnigen Frau: der Architektin Maria Giuseppina Grasso Cannizzo.

Helmut Richter, Meister der scharfen Kanten und der intelligenten Reduktion, prägte eine ganze Generation von Architekten. Jetzt ist er im Alter von 73 Jahren gestorben.

Respekt, Bewunderung, Trauer, versonnene Anekdoten - all die angemessenen Reaktionen waren zu verzeichnen, als die Nachricht vom Tod Helmut Richters, der am vorigen Sonntag, zwei Tage nach seinem 73. Geburtstag, nach langer Krankheit verstarb, bekannt wurde. Doch es war unter den spontan, schnell und reichlich eintreffenden Bekundungen vor allem eines, das hervorstach: Dankbarkeit. Und dies in einer Direktheit und Aufrichtigkeit, die selbst auf Außenstehende anrührend wirkte.

"Niemand prägte unser Büro mehr als Helmut Richter. Wir haben bei ihm studiert, in seinem Büro gearbeitet, an seinem Institut unterrichtet. Er polarisierte! Allein dafür vermissen wir ihn!" schreiben beispielsweise Jakob Dunkl, Gerd Erhartt und Peter Sapp vom Büro Querkraft. Dass die warmherzig-wehmütigen Nachrufe einem Architekten galten, dessen Bauten auf den ersten Blick eher kantig und kühl scheinen, ist kein Widerspruch. Die Bewunderung galt vor allem seiner ansteckenden Begeisterung für Architektur und seinem unablässlichen Drang zur Innovation.

Isay Weinfelds Entwurf für das Hotel Intercontinental ist umstritten. Der brasilianische Architekt über die Tugend des Zuhörens, die Wichtigkeit von Schlafzimmern und – Fußball

Der geplante Turm am Wiener Heumarkt, ein Zubau zum Hotel Intercontinental, die Neugestaltung des Eislaufvereins sorgt seit Monaten für Aufregung. Befürworter und Investoren sehen darin ein Stück Stadtentwicklung, Gegner und Experten stellen die Frage, wem der öffentliche Raum gehört, und fordern einen Masterplan für die sensible Zone. Jetzt kommt Isay Weinfeld, 62, zu Wort, der mit seinem Entwurf den Wettbewerb gewonnen hat. Der brasilianische Architekt war kürzlich in Wien, hielt einen Vortrag im Architekturzentrum und sprach mit dem Falter über das Projekt. Und über Fußball.

Herr Weinfeld, bei Ihrem Vortrag sprachen Sie nicht über das Intercontinetal, sondern zeigten Auszüge aus Filmen und inspirierende Bilder. Wieso das denn?

Isay Weinfeld: Schon als Student fand ich es langweilig, wenn ich mir stundenlange Projektbeschreibungen anhören musste. Das ist zu technisch, das interessiert ein Publikum nicht. Ich will den Leuten lieber etwas zeigen, was ihnen gefällt, wenn sie schon kommen, um mir zuzuhören. Eigentlich spreche ich überhaupt nicht gerne, ich hasse es!

PPAG: Speaking Architecture

Bücher zu machen ist eine super Sache, um so mehr, wenn man es für und mit Architekten macht, die man persönlich sehr mag und deren Werk man seit langem schätzt (und die nebenbei bemerkt dafür mitverantwortlich waren, dass ich vor 13 Jahren nach Wien gezogen bin).

Jetzt ist es fertig: "PPAG: Speaking Architecture", 524 Seiten, erschienen im AMBRA Verlag, herausgegeben von Anna Popelka, Georg Poduschka (PPAG) und mir, und mit kongenialer "Schraubenkatalog-Deluxe"-Grafik von Georg Lippitsch. Man kann es sich natürlich auf den Coffeetable legen, aber es ist weit mehr als ein Bildband, schließlich enthält es unter anderem ein komplettes Lexikon (zwar ohne ABBA und Zappa, aber dafür mit Manifesten, Mathematik und den Masters of Space).

PPAG: Speaking Architecture im AMBRA Verlag

Die europäische Stadt: Niemand kann sie genau definieren, doch sie wird weltweit eifrig kopiert - von Florida bis Schanghai, von Brasilien bis Las Vegas

"Wirklichkeit und Postkartenbilder", so besangen die nostalgischen Robo-Romantiker von Kraftwerk bei ihrem umjubelten Burgtheater-Auftritt letzte Woche in ihrem Stück "Europa Endlos" den Kontinent, den sie auf der LP "Trans Europa Express" durchfuhren. Ein Attest, das heute mehr denn je auf die europäische Stadt zutrifft. Denn die realen Stadtbilder von Venedig, Paris oder Barcelona sind als tausendfach reproduziertes Produkt zur sofort erkennbaren Marke geworden.

Wie der berühmte Fall der 2012 eröffneten Kopie des Weltkulturerbe-Ortes Hallstatt in der chinesischen Provinz Guangdong zeigt, lassen sich diese Bilder leicht kopieren - inklusive Palmen und Londoner Telefonzelle. Am anderen Ende des Globus werben die Hotel-Kasino-Komplexe der US-Spaßmetropole Las Vegas mit ebenso fröhlich verzerrten Versionen von Stadtbildern wie Paris, Venedig oder Monte Carlo. Einmal verkleinert mit halb so großem Eiffelturm, ein andermal als reine Motto-Dekoration für Hotelburgen wie bei den 36 Stockwerken des nach dem beschaulichen  Dorf Bellagio am Comer See benannten Großkomplex. Die europäische Stadt ist ein Exportschlager.

Das Rennen ist eröffnet, und Architekten aus aller Welt nehmen daran teil: Wer baut das erste Haus, das komplett aus dem 3-D-Drucker kommt?

Am 24. März stand US-Präsident Barack Obama in den Niederlanden vor einem schwarzen Stück Plastik mit den Maßen 1,5 mal 2 mal 2,5 Meter, das wie eine Mischung aus dem Monolithen aus Kubricks "2001" und einer nach außen gestülpten Gummizelle aussah. Der Quader ist der erste Baustein des 3D Print Canal House, entworfen von den jungen DUS Architects, das zurzeit in Amsterdam-Nord entsteht (siehe auch Artikel vom 2. Mai). Wenn es fertig ist, soll es das weltweit erste Haus sein, das komplett aus dem 3-D-Drucker kommt.

In typisch holländischer Mischung aus charmanter Frische und kalkulierender Selbstvermarktung wurde die auf rund drei Jahre angelegte Baustelle gleich zum Museum erklärt, Eintritt zwei Euro fünfzig. Für diesen Obolus kann der einzige Bauarbeiter vor Ort, ein Drucker namens "KamerMaker", bewundert werden.

Außen rau, innen rot-weiß: Mit dem Musikkens Hus im dänischen Aalborg wurde der erste Bau von Coop Himmelb(l)au in Skandinavien eröffnet.

Ob es der Eurovision Song Contest ist, der im Mai in Kopenhagen stattfindet, der reiche Fundus an Volksliedern, oder seriöse E-Musik: „Die Dänen feiern gern; sie singen noch viel lieber.“ Mit diesen Worten warnt jedenfalls ein Reiseführer augenzwinkernd den Besucher aus dem Süden. Und warum auch nicht? Anlass zum Gesang gibt es genug in einem gemütlichen Land mit der sympathischen Königin und dem hohen Lebensstandard. Paradebeispiel: Die 100.000-Einwohner-Stadt Aalborg in Nordjütland. Nirgendwo sonst in Europa sind die Bewohner so zufrieden mit ihrer Heimatstadt.

Wenn diese glückliche Kommune also ein Sinfonieorchester und ein Musikkonservatorium unter einem Dach vereinigen will, geschieht das ebenso selbstbewusst wie gemütlich. Der Ort war bald gefunden: Der ehemalige Kohlehafen am Limfjord, der wie ein breiter Fluss die Stadt durchquert, und dessen Ufer sich langsam zur postindustriellen Kulturmeile wandelt. Hier hat sich das Kulturzentrum „Nordkraft“ in der wuchtigen Industriekathedrale eines ehemaligen Elektrizitätswerks angesiedelt, ein paar hundert Meter weiter ein feines kleines Museum, das Jørn Utzon, dem Architekten des Opernhauses von Sydney gewidmet ist.

Der Wettbewerb fürs Wiener Hotel Intercontinental ist entschieden: Am Eislaufverein soll ein 73-Meter-Turm stehen. Vorher sind allerdings noch einige Fragen zu klären.

Ein Haus in den besten Jahren: Im März feiert das Hotel Intercontinental seinen 50.Geburtstag. In der Jubiläumsbroschüre schwelgt man in Fotos aus der Originalzeit, deren Interieurs in der Tat dem interkontinentalen Anspruch gerecht wurden: Ein luftiges Foyer mit klaren Linien und eleganten Sesseln, kurvige Cocktailbars fürs Jet-Set. Leider wurde der internationale Stil inzwischen durch eine "teuer" meinende, aber billig aussehende Kronleuchter-Messing-Melange Marke "Arbeiterkammer Minsk" ersetzt. Dass man sich im 50.Jahr wieder auf die Anfangszeit besinnt, hat seinen Grund. Der Neu-Eigentümer Michael Tojner, dessen WertInvest das Fünf-Sterne-Haus 2012 für 48 Millionen Euro erwarb, plant den Umbau in großem Maßstab.