Falter

Von wegen Schlafstädte: Ein Blick auf die transdanubischen Plattenbausiedlungen der 1960er-Jahre zeigt erstaunliche urbane Qualitäten

„G’hörn Sie zu der Siedlung?“, fragt die forsche ältere Dame mit dem Dalmatiner und schaut das Besuchergrüppchen kritisch-neugierig an. Das ist gar nicht so leicht zu beantworten, denn Christoph Lammerhuber und Manfred Schenekl, an die sich die Frage vor allem richtet, wohnen zwar nicht hier in der weitläufigen Gemeindebau-Wohnanlage an der Siebenbürgerstraße in Wien-Donaustadt, aber sie kennen die Siedlung gut. Die Dame mit dem Dalmatiner kennen sie auch schon. Sie wohnt seit Anfang an hier, wie sie mit grätzelpatriotischem Stolz erklärt, und beobachtet alles, was sich tut, genau. Für den Skaterpark hat sie sich eingesetzt, auch das neue Fußballfeld für die Jugendlichen findet sie gut. Nur die neuen Sitzbänke seien nicht ordentlich verarbeitet, „da reißt man sich an den Schrauben die Kleidung auf“.

Lammerhuber, Architekt beim Wiener Büro pool architects, und der Historiker Schenekl analysieren schon seit längerem im Auftrag der MA 50 (und im Auftrag ihrer eigenen Leidenschaft) die in die Jahre gekommenen Großsiedlungen der 1960er-und 70er-Jahre, insbesondere die transdanubischen. „Inzwischen bräuchten wir schon eine Dienstwohnung, so oft sind wir hier unterwegs“, sagt Lammerhuber.

Es ist an der Zeit, eine Lanze für den Beruf der Landschaftsarchitekten zu brechen: Wie kaum eine andere Berufsgruppe wird ihre Existenz oft und gerne verschwiegen, dabei ist es einer der schönsten Berufe überhaupt. Auch bei der Neugestaltung der Mariahilfer Straße braucht es einiges an Detektivarbeit, bis man herausfindet, wer die Idee für die neuen Möbel hatte, die jetzt nach und nach die Fußgänger- beziehungsweise Begegnungszone befüllen. Auch auf den offiziellen Verlautbarungsseiten findet sich kein Hinweis. Fast sollte man meinen, die Stadt Wien hätte sich das alles selbst ausgedacht.

Dabei handelt es sich bei den Planern nicht um Unbekannte. Bureau B+B heißt das Unternehmen aus Amsterdam, das – gemeinsam mit dem Büro Orso.Pitro – 2013 den Wettbewerb für die neue Mariahilfer Straße gewann. Die Leute vom Bureau B+B zählen in Holland zu den angesehensten und erfahrensten Landschaftsarchitekten und haben zahlreiche Plätze, Straßen und Parks gestaltet.

Wiens Hauptbahnhof ist mehr oder weniger eröffnet. Eine Kathedrale will er nicht sein. Aber ist er mehr als nur eine Haltestelle mit einem Dach darüber und einem Shoppingcenter darunter? Leider nein.

Bevor wir anfangen, eine grundsätzliche Frage: Ist eine Architekturkritik angebracht, wenn der betreffende Bauherr darauf besteht, dass der Bau, um den es geht, gar keine Architektur sei? Dass ein Resultat technischer Notwendigkeiten und wirtschaftlicher Flächenverwertung eben nur genau dies sei, und nicht mehr? Wenn wir diese Frage mit Nein beantworten, können wir an dieser Stelle aufhören und uns anderen Dingen widmen. Der Oktober ist ja nach dem schlimmen Sommer wieder recht schön sonnig geworden, nicht?

Nun handelt es sich in diesem Fall allerdings um den Hauptbahnhof einer bedeutenden europäischen Hauptstadt. Die Hauptstadt heißt Wien. So einfach ist die Sache also nicht. Wenn wir davon ausgehen, dass ein Hauptbahnhof ein Gebäude darstellt, werden wir uns mit seiner Architektur zu beschäftigen haben. Vergangenes Wochenende wurde dieser Hauptbahnhof offiziell eröffnet. Mehr oder weniger – denn Züge fahren ihn schon seit 2012 an, der nächste Fahrplanwechsel ist erst im Dezember, und der Vollbetrieb mit 100 Zügen pro Tag wird überhaupt erst in zwei Jahren erreicht. Der Bahnhofsbau selbst ist aber schon fertig, und um diesen soll es gehen.

Ob New York, Neubau oder Aspern: Die verdichtete Stadt gilt heute mehr denn je als Erfolgsrezept für urbane Lebensqualität. Ein opulentes Buch zur Stadtbaugeschichte, das bereits vor einigen Monaten erschien, und ein brandneuer Architekturführer für Wien legen dafür handfeste Beweise vor.

„Es besteht wohl kein Zweifel darüber, dass die Mehrzahl der Menschen lieber in einer Großstadt wohnt als auf dem Land. Erwerb, gesellschaftliche Stellung, Komfort, Luxus, Zeitvertreib im guten wie im schlechten Sinne und schließlich die Kunst sind Motive dieser Erscheinung.”
Der Mann, der sich hier für großstädtische Urbanität in die Bresche wirft, heißt Otto Wagner und hat als Architekt und Stadtbaudirektor in Wien wie kein anderer alles dafür getan, die genannten Vorteile des Metropolenlebens zu vermehren. Von der Genialität, mit der Wagner den Ingenieursgeist enormer Infrastrukturprojekte wie Stadtbahn und Wienflussregulierung mit der repräsentativen Stadtbürger-Eleganz seiner Architektur verband, profitiert Wien noch heute.

Jetzt, da Wien neuesten Prognosen zufolge immer schneller auf die 2-Millionen-Einwohner-Marke zusteuert, ist die Frage der Urbanität wieder in den Mittelpunkt der Debatten gerückt. In den großen Stadterweiterungen wie der Seestadt Aspern, dem Nordbahnhof und dem Sonnwendviertel am neuen Wiener Hauptbahnhof wird auf Stadtblocks mit hoher Dichte gesetzt.
Nicht nur weil man die tausenden Zuzügler pro Jahr ja irgendwo unterbringen muss, sondern weil es ein bewährtes Modell ist. Eine dicht bebaute Stadt ist eine lebenswerte Stadt, heißt es bei den Stadtplanern. Dichte Städte haben kürzere Wege, die man ohne Auto zurücklegen kann, verschwenden weniger Platz, haben die bessere Kultur und die besseren Shops, weil auf engem Raum mehr Leute wohnen, die sich für diese Dinge interessieren. Manche bekommen in den engen Wohnhöfen der neuen Stadtviertel Platzangst und flüchten in periphere Häuslbauerwelten, doch für die Mehrzahl bleibt die Attraktivität des Zusammenlebens auf engem Raum ungebrochen.

Was tun, wenn sich der Sommer für einen Tag doch noch auf seine Kernkompetenzen besinnt, man sich soeben ein Midlife-Rennrad zugelegt hat, auf dem man nach etwas Übung  auch nicht mehr pedalbedingt vor versammelter Kreuzungspopulation seitlich umkippt? Man radelt Richtung Westen, ruft den aufgestauten Autofahrern am Altmannsdorfer Ast ein hämisch nelsonmuntz'sches "HAA-ha!" entgegen und verschwindet sohin im Wienerwald.

Goodbye, Normklassenzimmer: Der Bildungscampus im Sonnwendviertel gilt als Revolution des Wiener Schulbaus. Jetzt ist er fertig. Eine erster Rundgang durch die neue Pädagogik.

Beginnen wir mit einem kleinen Selbstexperiment: Erinnern Sie sich an die Schulgebäude, nein, besser noch, an die besten Spielplätze Ihrer Kindheit. Was machte sie so ideal zum Spielen? Hand aufs Herz: Sicher nicht die Tatsache, dass sie rot, gelb und blau angemalt waren. Viel wichtiger: Die räumliche Vieldeutigkeit. Das Klettergerüst war ein Indianerfort, aber auch ein Raumschiff, zehn Minuten später der Palast von Marie Antoinette, gleichzeitig auch die Stelle, wo man beim Fangespielen sicher war. Welche Farbe das Klettergerüst hatte, war komplett wurscht. Neugier und Lernen braucht nicht Farbe, sondern Raum.

Aber so wie man die Episoden der Kindheit gerne vergisst, werden auch ihre Qualitäten oft ignoriert, was unseren Spielplätzen die Möblierung mit buntem, aber sinnlosem Wippgeflügel beschert hat, das nichts anderes kann als wippen. In den Schulen kam jahrzehntelang weder Farbe noch räumliche Spannung auf, dank seit dem 19.Jahrhundert gesetzlich festgelegter Normklassenzimmer mit Normbänken, Normtafeln und Normwaschbecken. Etwas anderes als Normunterricht war hier nur mit Mühe zu realisieren.

Dabei war man schon einmal weiter: In der Aufbruchstimmung der 1960er und 1970er Jahren wurde mit neuen Lern- und Raummodellen experimentiert. In den Niederlanden waren dies die offenen Lernlandschaften des humanistischen Architekten Herman Hertzberger; in Österreich die Bauten von Ottokar Uhl oder die reformpädagogische Stadt des Kindes von Anton Schweighofer. Es blieben Experimente. Erst in den letzten Jahren ist so etwas wie die zweite Welle des innovativen Schulbaus zu verzeichnen: Die Schule im dänischen Hellerup, zwei Jahre lang von einem interdisziplinären Team ausgetüftelt, die komplett auf Klassenzimmer verzichtet, wurde ein weltweit beachtetes Vorzeigeobjekt. Bewegung, Projektunterricht, klassenübergreifendes Lernen anstatt Frontalunterricht.

Isay Weinfelds Entwurf für das Hotel Intercontinental ist umstritten. Der brasilianische Architekt über die Tugend des Zuhörens, die Wichtigkeit von Schlafzimmern und – Fußball

Der geplante Turm am Wiener Heumarkt, ein Zubau zum Hotel Intercontinental, die Neugestaltung des Eislaufvereins sorgt seit Monaten für Aufregung. Befürworter und Investoren sehen darin ein Stück Stadtentwicklung, Gegner und Experten stellen die Frage, wem der öffentliche Raum gehört, und fordern einen Masterplan für die sensible Zone. Jetzt kommt Isay Weinfeld, 62, zu Wort, der mit seinem Entwurf den Wettbewerb gewonnen hat. Der brasilianische Architekt war kürzlich in Wien, hielt einen Vortrag im Architekturzentrum und sprach mit dem Falter über das Projekt. Und über Fußball.

Herr Weinfeld, bei Ihrem Vortrag sprachen Sie nicht über das Intercontinetal, sondern zeigten Auszüge aus Filmen und inspirierende Bilder. Wieso das denn?

Isay Weinfeld: Schon als Student fand ich es langweilig, wenn ich mir stundenlange Projektbeschreibungen anhören musste. Das ist zu technisch, das interessiert ein Publikum nicht. Ich will den Leuten lieber etwas zeigen, was ihnen gefällt, wenn sie schon kommen, um mir zuzuhören. Eigentlich spreche ich überhaupt nicht gerne, ich hasse es!

Der Wettbewerb fürs Wiener Hotel Intercontinental ist entschieden: Am Eislaufverein soll ein 73-Meter-Turm stehen. Vorher sind allerdings noch einige Fragen zu klären.

Ein Haus in den besten Jahren: Im März feiert das Hotel Intercontinental seinen 50.Geburtstag. In der Jubiläumsbroschüre schwelgt man in Fotos aus der Originalzeit, deren Interieurs in der Tat dem interkontinentalen Anspruch gerecht wurden: Ein luftiges Foyer mit klaren Linien und eleganten Sesseln, kurvige Cocktailbars fürs Jet-Set. Leider wurde der internationale Stil inzwischen durch eine "teuer" meinende, aber billig aussehende Kronleuchter-Messing-Melange Marke "Arbeiterkammer Minsk" ersetzt. Dass man sich im 50.Jahr wieder auf die Anfangszeit besinnt, hat seinen Grund. Der Neu-Eigentümer Michael Tojner, dessen WertInvest das Fünf-Sterne-Haus 2012 für 48 Millionen Euro erwarb, plant den Umbau in großem Maßstab.

Österreichs höchstes Haus, der 250 Meter hohe DC Tower, wurde letzte Woche eröffnet. Dass ihm sein Twin noch fehlt, ist nicht der einzige Grund, warum der Turm an metaphorischer Überlastung krankt.

Das erste Pärchen posiert schon: Die blondierte Dame betrachtet sich in der schwarzen Spiegelfassade, während ihr Begleiter sie ablichtet. Daneben erkunden Skater die neuen Betonoberflächen, andere fotografieren blinzelnd nach oben. Die gefaltete Glasfassade des DC Tower ist definitiv ein Hingucker. Letzte Woche wurde das mit 250 Metern (inklusive Antenne) und 60 Geschossen höchste Hochhaus Österreichs eröffnet. Dunkel ist nicht nur die Glasfassade: Schwarz sind auch die kantigen Metallschirme, die wie durcheinandergewürfelte spanische Reiter vor dem Eingang im Boden stecken. Sie sollen die berüchtigten Hochhaus-Fallwinde, unter denen die Donauplatte leidet, abfangen. Das Foyer und die Lobby des zur spanischen Kette Mélia gehörenden Hotels sind mit dunklem Granit ausgekleidet, im Restaurant schraubt sich eine silbern eingekleidete breite Wendeltreppe über drei Geschosse. Eine unaufdringliche, weltläufige Eleganz lässt sich dem Interieur nicht absprechen. Das Faible für Schwarz in Architektur und Kleidung teilt sich der DC-Tower-Architekt Dominique Perrault schließlich mit seinem Landsmann Jean Nouvel, dessen Sofitel am Donaukanal von ähnlich schattiger Noblesse ist.

Der Architekt Harry Glück hat in Wien Tausende von Wohnungen gebaut. Mit dem Falter sprach der 88jährige über sein Lebenswerk und verriet, was Alt-Erlaa mit Hölderlin zu tun hat.

Gerade mal 33 Jahre ist er alt, der verspiegelte Bau an der Rathausstraße, und schon ist sein Ende so gut wie besiegelt: Das Rechenzentrum der Stadt Wien zog letztes Jahr an den Stadtrand, der Altbau steht leer. Zur Zeit läuft ein ergebnisoffener Wettbewerb für den Standort, dessen Ergebnisse im Herbst präsentiert werden. Beim Bundesdenkmalamt sieht man keine Veranlassung, den Bau unter Schutz zu stellen, denn der maßgebliche Beitrag seines Architekten zur Baugeschichte, so Friedrich Dahm, Landeskonservator für Wien, auf Anfrage des Falter, liege ohnehin im Wohnbau.

Der Architekt ist Harry Glück und sieht das ähnlich: Er blickt auf ein enormes Oeuvre an Wohnbauten zurück, darunter einer der bekanntesten in Wien überhaupt: Der anfangs umstrittene und seither als geglücktes Beispiel großer Stadtrand-Wohnblocks geltende Wohnpark Alt-Erlaa. Auch heute ist der mittlerweile 88jährige Architekt noch aktiv. Ich traf ihn (und Bullterrier Paula) zum Gespräch in seinem Josefstädter Büro mit Blick ins Grüne.