Falter

Der 37.Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb brachte Erleichterung in Klagenfurt und eine verdiente Gewinnerin

Besser hätte man sich die Dramaturgie kaum ausdenken können: Zunächst die Androhung des ORF, die Tage der deutschsprachigen Literatur, vulgo Ingeborg-Bachmann-Preis, nicht mehr auszurichten - just zwei Wochen vor Beginn der jüngsten Ausgabe. Dazu gab es dann vor Ort aufziehenden Gewitterregenwolken als fast schon übertrieben metaphorisch-meteorologisches Bühnenbild.

Hinter den Palisaden eines gallischen Dorfs die Verteidiger des Kultur- und Bildungsauftrages und der Klagenfurter Institution; auf der anderen Seite ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz, Verkünder der Drohbotschaft, in der Schurkenrolle des Stücks, sekundiert von all jenen, die es schon immer gewusst hatten und nun mit triumphalem „Endlich!“ dem hochdotierten Literaturwettbewerb schon voreilige Grabreden hielten.

Der eigentliche Bewerb zeigte sich dann von dieser Rahmenhandlung völlig unbeeindruckt und lief, wie immer, kurzweilig und konzentriert ab, als wolle er zeigen, was ihn schon immer ausgezeichnet hat: Dass das öffentliche, ausführliche Reden über Literatur in einem physischen Da-Sein am selben Ort einen fundamentalen Mehrwert hat gegenüber hehren Monologen, die in den germanistischen Schreibstuben ausgetüftelt werden.

Der Harvard-Kunsthistoriker Joseph Leo Koerner über Wien als Stadt der Träume und des Unheimlichen, über Schweinsköpfe und seine österreichischen Wurzeln

Sein Deutsch ist maßgeschneidert präzise wie der Anzug. Der US-Kunsthistoriker Joseph Leo Koerner sitzt in der Wiener Secession, wo er einen Vortrag über Wiener Interieurs hielt. Koerners Vater, der Maler Henry Koerner, war 1938 aus Wien geflüchtet, die Großeltern kamen im Holocaust ums Leben. Nun erforscht Koerner jun. die Innenräume seiner Vergangenheit.

 

Der Turm, der aus dem Nichts kam: An der Reichsbrücke sollen die 150 Meter hohen "Danube Flats" entstehen - direkt vor dem Wohnhochhaus von Harry Seidler. Eine Bürgerinitative wehrt sich nun dagegen.

Ende Oktober bekam Bürgermeister Michael Häupl Post von einer älteren Dame aus Australien, die ihn bat, von einem Vorhaben abzusehen, das "allen rationalen Zielen der Stadtplanung widerspricht". Die Dame war Penelope Seidler, Witwe des 2006 verstorbenen Architekten Harry Seidler.

Von außen zeigt der neue Konzertsaal der Wiener Sängerknaben all zu deutlich die Umstände seines Entstehens. Im Inneren wartet dafür die Belohnung.

Dass das Drumherum der Architektur hineinredet, ist an sich nichts Schlechtes. Wenn das Drumherum jedoch zu laut ist, kann eine Idee zugrunde gehen. Am neuen Sängerknaben-Konzertsaal MuTh, der nach 10 Jahren und etlichen Namensänderungen jetzt fertig geworden ist, kann man das ausgezeichnet beobachten. Er ist genau dort gut geworden, wo am wenigsten hineingeredet wurde.

In Wien Mitte eröffnete vorige Woche nach jahrelangem Hickhack endlich "Wien Mitte The Mall". Also, ein bisschen jedenfalls.

Der Straßenzug Invalidenstraße und Hintere Zollamtsstraße ist nicht gerade einer der schönsten in Wien. Man könnte sogar sagen, er ist eine fast nahtlose Aneinanderreihung von Hässlichkeit, ein plumpes Bollwerk der Geschmacksverirrung zwischen erstem und drittem Bezirk. Vom formlosen Raiffeisen/W3-Komplex über die ungelenk verdrehte Klebeplättchen-Architektur des Justiztowers bis zum düster verspiegelten Gebirge des Rechnungshofs am Donaukanal.

Im schicken neuen Bahnhof Tullnerfeld, der am 9.Dezember eröffnet, werden täglich die Intercitys halten. Fraglich bleibt, ob auch jemand aussteigt.

80 Jahre Werkbundsiedlung: Das Wien Museum zeigt eine Ausstellung über eine Ausstellung - mit einigen Überraschungen

Was sich da vor 80 Jahren, am 4. Juni 1932, auf einer sumpfigen Wiese in der Lainzer Hagenau am Wiener Stadtrand zutrug, war zweifellos ein Großevent. Eine Menschenmenge lauschte den Reden von Bundespräsident Wilhelm Miklas und Bürgermeister Karl Seitz, umringt von kunterbunt hingewürfelten, buntgetünchten und flachbedachten Kisten: die 70 Wohnhäuser der Werkbundsiedlung, die an diesem Tag eröffnet wurde.

Beim 36.Bachmannpreis in Klagenfurt dominierten heuer Texte über Tiere und Jugenderinnerungen sowie die sportliche Schulausflug-Stimmung.

Klagenfurt: Stadt der Worte, Stadt des Schreibens. Auf dem Asphalt des kilometerlangen Wegs am Lendkanal zwischen Stadt und See reiht sich bunt gesprüht Schrift an Schrift. „Go Gröxi Go“, „Hermann, lauf!“, ein hämisches „Quält euch!“, und ähnliche neonfarbene Imperative. Die Überbleibsel des jährlichen Iron-Man-Triathlons sind auch nach einer Woche noch gut sichtbar, und schon ist der nächste Großevent in der Stadt.