Literatur

Was tun, wenn sich der Sommer für einen Tag doch noch auf seine Kernkompetenzen besinnt, man sich soeben ein Midlife-Rennrad zugelegt hat, auf dem man nach etwas Übung  auch nicht mehr pedalbedingt vor versammelter Kreuzungspopulation seitlich umkippt? Man radelt Richtung Westen, ruft den aufgestauten Autofahrern am Altmannsdorfer Ast ein hämisch nelsonmuntz'sches "HAA-ha!" entgegen und verschwindet sohin im Wienerwald.

Der 37.Ingeborg-Bachmann-Wettbewerb brachte Erleichterung in Klagenfurt und eine verdiente Gewinnerin

Besser hätte man sich die Dramaturgie kaum ausdenken können: Zunächst die Androhung des ORF, die Tage der deutschsprachigen Literatur, vulgo Ingeborg-Bachmann-Preis, nicht mehr auszurichten - just zwei Wochen vor Beginn der jüngsten Ausgabe. Dazu gab es dann vor Ort aufziehenden Gewitterregenwolken als fast schon übertrieben metaphorisch-meteorologisches Bühnenbild.

Hinter den Palisaden eines gallischen Dorfs die Verteidiger des Kultur- und Bildungsauftrages und der Klagenfurter Institution; auf der anderen Seite ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz, Verkünder der Drohbotschaft, in der Schurkenrolle des Stücks, sekundiert von all jenen, die es schon immer gewusst hatten und nun mit triumphalem „Endlich!“ dem hochdotierten Literaturwettbewerb schon voreilige Grabreden hielten.

Der eigentliche Bewerb zeigte sich dann von dieser Rahmenhandlung völlig unbeeindruckt und lief, wie immer, kurzweilig und konzentriert ab, als wolle er zeigen, was ihn schon immer ausgezeichnet hat: Dass das öffentliche, ausführliche Reden über Literatur in einem physischen Da-Sein am selben Ort einen fundamentalen Mehrwert hat gegenüber hehren Monologen, die in den germanistischen Schreibstuben ausgetüftelt werden.

(Der folgende Text entstand Ende 2012 als Gastbeitrag für den famosen Podcast "Die klingende Kulturstube", dessen 5 Folgen man unbedigt hören sollte, wenn einem die Kultur auch nur einen Cent wert ist. Aus aktuellem Anlass erscheint er hier erstmals in nonakustischer Form).

Wie heute bekannt gegeben wurde, überlegt der ORF, den Bachmannpreis ab 2014 nicht mehr auszurichten. Schock, Wut und Trauer geistern seitdem durch die Landschaft der deutschsprachigen Literatur wie,... wie drei so Geister. Doch handelt es sich vielleicht nur um ein geschicktes Täuschungsmanöver, ein Ablenkung in adiecto, eine medienpolitische Chimäre sibyllinischen Zuschnitts? Wie unser Reporter Harry Halal jetzt herausfand, arbeitet der ORF heimlich an einem Relaunch des Bewerbs. Und ich kann jetzt schon verraten, es wird geklotzt und nicht gekleckert. Aber hören wir, was Harry Halal aus Kärnten berichtet.

 

Wiesbaden: Die unbekannteste Mittelgroßkleinstadt Deutschlands. Kein Mensch kennt auch nur ein Gebäude, ein Wahrzeichen, eine Person aus Wiesbaden. Die Weltgeschichte weiß von keiner Schlacht bei und keinem Frieden von Wiesbaden, die Stadt scheint im Windschatten aller anderen gemütlich, wohlhabend und ein bisschen langweilig dahinzuexistieren, so schattig, dass man bisweilen daran zweifelt, ob sie wirklich existiert. Dann aber bekommt man Post von jemandem, der behauptet, tatsächlich in einem anscheinend doch vorhandenen Wiesbaden zu leben, dort ein prachtvolles Magazin namens Stijlroyal herauszugeben, und für die nächste Nummer Geschichten von Autoren über Orte in eben diesem Wiesbaden zu sammeln. Der Clou an der Sache, so diese Person weiter, sei, dass keiner dieser Autoren je vor Ort gewesen sei und abgesehen von einem zerknautschten Foto nur ein äußerst dürres Briefing bekäme.

Tourismus: Drei Reisebücher, die keine Reiseführer sind, über Geschichte und Kunst des Unterwegsseins

Seit das Reisen nicht einfach Wegfahren bedeutet, sondern zu Tourismus und weiter zur Tourismusindustrie geworden ist, firmiert es als Lieblingsgegenstand von Forschung, Literatur und polemischer Kritik. Schon 1958 haute ihm Hans Magnus Enzensberger seine „Theorie des Tourismus“ um die Ohren: Romantik ohne Revolution, Ferne als Erlösung, die Sehenswürdigkeit als Befreiung vom schlechten Gewissen des Nichtstuns und der pikierte Dünkel der Pioniere über die nachfolgende Masse.
Daran hat sich nicht viel geändert. Allerdings hat, wie Enzensberger heute schreibt, im Easyjet-Zeitalter, in dem jeder Trafikant New York und Bali längst auswendig kennt, das Fernweh seinen Glanz verloren. Wie eine Wanderheuschrecke zieht der Mensch mit der Masse um die Welt.

Beide Enzensberger-Texte finden sich im Sammelband „Die Zukunft des Reisens“, herausgegeben von SZ-Feuilletonchef Thomas Steinfeld. Entstanden als Auftragsarbeit für den Schweizer Tourismuskonzern Kuoni, stellt er eine eigenartige Mischung aus Feuilleton und Marktforschung dar, eine Kombination, die dem Thema Tourismus wie angegossen passt.

Was den Baumeister Solness antreibt

Beitrag im Programmheft des Staatsschauspiels Dresden zum Stück "Baumeister Solness" von Henrik Ibsen.

Der Baumeister Halvard Solness kommt uns bekannt vor. Ein Archetyp unter Architekten: der getriebene Egomane, der seinen Mitmenschen zwar Wohnungen baut, aber, sind wir ehrlich, sich letztendlich doch nur selbst verwirklichen will. Und hinter seinem Drang in die Höhe, seiner Turmsehnsucht, ahnen wir jahrelang gärende Komplexe, wenn nicht gar ein handfestes Trauma. Ja, unsere durch Bücher, Filme, Vorabendserien und die kopfschüttelnde Anschauung überdimensionierter Beton- und Stahlgebilde in unseren Städten genährten Vorurteile werden von „Baumeister Solness“ voll und ganz bestätigt.

Beim 36.Bachmannpreis in Klagenfurt dominierten heuer Texte über Tiere und Jugenderinnerungen sowie die sportliche Schulausflug-Stimmung.

Klagenfurt: Stadt der Worte, Stadt des Schreibens. Auf dem Asphalt des kilometerlangen Wegs am Lendkanal zwischen Stadt und See reiht sich bunt gesprüht Schrift an Schrift. „Go Gröxi Go“, „Hermann, lauf!“, ein hämisches „Quält euch!“, und ähnliche neonfarbene Imperative. Die Überbleibsel des jährlichen Iron-Man-Triathlons sind auch nach einer Woche noch gut sichtbar, und schon ist der nächste Großevent in der Stadt.