Über Orte

Was tun, wenn sich der Sommer für einen Tag doch noch auf seine Kernkompetenzen besinnt, man sich soeben ein Midlife-Rennrad zugelegt hat, auf dem man nach etwas Übung  auch nicht mehr pedalbedingt vor versammelter Kreuzungspopulation seitlich umkippt? Man radelt Richtung Westen, ruft den aufgestauten Autofahrern am Altmannsdorfer Ast ein hämisch nelsonmuntz'sches "HAA-ha!" entgegen und verschwindet sohin im Wienerwald.

Zum 8. August alias Weltkatzentag: Nirgendwo sind Katzencafés so populär wie in Japan. Doch gerade haben die ausgelagerten Haustiere auch gefiederte Konkurrenz bekommen

Das Verhältnis des Japaners "an sich" zum Tier "an sich": eine komplizierte Sache. Wer sich in japanische Zoos wagt und trotz in trüber Brühe gestapelter Krokodile und minimal möblierter Mini-Terrarien ohne Depression wieder hinausgeht, hat wohl ein Herz aus trockenem Seetang. Vom Walfang wollen wir gar nicht erst anfangen. Andererseits erfreut sich das japanische Rindvieh - bevor es auf dem Grill landet - mitunter hingebungsvoller Biermassagen.

Am besten scheinen es die fiktiven Tiere zu haben, die großäugig von Postern, aus Schaufenstern und Mangas blinzeln. Nur ihnen gilt unsterbliche Liebe. Mehr als zwei Kategorien für die Tierwelt - "herzig" (kawaii!) oder "zum Essen" - braucht der Japaner offenbar nicht. Doch an und für sich wissen wir auch, dass es den Japaner "an sich" natürlich nicht gibt.

Privilegiert innerhalb der Kawaii-Fauna ist das Katzentier: Manch japanisches Auto quillt über vor Hello-Kitty-Schonbezügen, Hello-Kitty-Lenkradüberziehern und Hello-Kitty-Püppchen: alles sehr putzig. Yamato, der bekannteste Zustelldienst des Landes, hat als Logo eine Katze, die ein kleines Kätzchen im Maul trägt: sehr praktisch. Und Schilder, die vor dem Eingeklemmtwerden durch schließende Lifttüren warnen, zeigen in Japan natürlich eine weinende Katze mit verletztem Schwanz.

Nebenan tobt Olympia, bei den Nachbarn in Ostlondon gilt: Ruhe bewahren. Eine Tour entlang der Rückseite der Spiele.

"Das hier", sagt Karen und deutet auf die graugrüne Wasserfläche, "war vor fünf Jahren noch eine Müllhalde, voller Autoreifen und Einkaufswägen." Wir sind beeindruckt. Das Wasser ist ein Arm des River Lea, und dort, wo er hundert Meter vor uns ums Eck verschwindet, sieht man die dürren Dreiecke des Olympiastadions aufragen. Die aschblonde Mittvierzigerin Karen ist unser Guide auf der Tour um den Olympic Park in Londons Osten. Der Altersdurchschnitt der Teilnehmer ist eher hoch, also hat Karen zum Start der zweistündigen Tour ihr "Have you made the most of the toilets?" mit Nachdruck wiederholt.

Jahrzehntelang war das malerische Castelfalfi leer und verlassen. Jetzt wurde es vom deutschen TUI-Konzern gekauft und zum Nobel-Resort veredelt - und mutet toskanischer an als die Toskana selbst.

Das typische Bild der Toskana könnte wohl jedes Kind im Schlaf aufzeichnen. Standard-Zubehör: Steinerne Städte auf grünen Hügeln, schlanke Zypressen, einsame Bauernhäuser, und das weltweit als unvergleichlich bekannte sanft goldene Licht. Man kennt das, und doch ist man erstaunt, dass die Toskana, wenn man sich in ihr befindet, tatsächlich exakt so aussieht wie aus Prospekten und Werbespots bekannt.

Auf einem Bergsporn über wogenden Feldern thronend, passt das Dorf Castelfalfi perfekt in dieses Bild: es duftet nach Rosmarin, es wuselt die Eidechse, aus dem Ginster lugen romantische Ruinen. Dass diese auch von Scheitern und Entbehrung künden, ist dabei leicht zu übersehen. Nachdem die örtliche Tabakfabrik in den 1960er Jahren zusperrte, wurde das Dorf bis auf ein paar Ferienhäuser verlassen, das Kastell stand leer, die Kirche zerfiel.

Zwischen römischer Strenge und den sanften Schwüngen des Jugendstils, zwischen kantigem Monumentalismus und erlesenen Stuckaturen: Die deutsch-italienische Rivalität im Bozen des frühen 20.Jahrhunderts wurde auch auf dem Feld der Architektur ausgefochten. Das Resultat ist eine einmalige und zugleich sehr europäische Mischung. Ein Stadtspaziergang von Ornament zu gerader Linie und zurück.

Burgen auf steilen Felsen, liebliche Weinberge und Obstplantagen, dramatische Gebirgszacken - die typischen Elemente der Südtiroler Landschaft. Mitten darin: Eine Hauptstadt, die dazugehört und doch völlig anders ist. Eingebettet, fast eingeklemmt in ein Tal, umrahmt von der theaterhaften Kulisse aus den besten und dramatischsten dieser alpinen Bestandteile, spielt Bozen auf dieser Bühne sein ganz eigenes Stück.

Als südlichste deutschsprachige und nördlichste italienischsprachige Stadt wurde sie am Anfang des 20. Jahrhunderts als wichtiger kultureller Außenposten von beiden Seiten besonders intensiv mit Bedeutung aufgeladen. Eine Säule war hier mehr als eine Säule, ein Ornament nicht nur reines Ornament - sie waren stolze Erklärungen von Zugehörigkeit. Weil Österreich Südtirol nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg an Italien abtreten musste, erlebte Bozen binnen einer Generation gleich zwei Phasen des Aufbruchs, in denen die Architektur als Mittel der Eroberung eine Hauptrolle übernahm. So kann man wie in kaum einer anderen europäischen Stadt während eines einzigen gemütlichen Nachmittagsspaziergangs die filigranen Schwünge des Jugendstils, die fliegenden, scharfkantigen Linien der dynamischen Moderne und die schweren, einschüchternden Volumen des Monumentalismus erleben.

Alleine und hungrig in der fremden Stadt – die Menschheit kennt dieses Problem seit Urs Zeiten. Aber was soll man tun, immer wieder knallt einem das Leben Situationen vor den Latz, in denen Nahrungsaufnahme in unvertrauter urbaner Umgebung die Top-Priority ist.

Die Nobelshopallee Ginza ist am Sonntag für Fussgänger reserviert. Alle schweben wie auf Schienen über den sauberen schwarzen Asphalt. Wo Autos fahren dürfen, ist es genauso leise, denn die Autos schweben auch. An keinem Fahrzeug ein Staubkorn, auch Last- und Lieferwägen glänzen keimfrei. Aus den offenen Türen der Geschäfte dringt hochfrequenziger Begrüssungs-, Bedankungs- und Entschuldigungs-Singsang. Dazu an jeder Ampel melodisches Blindenleitgepinge. Kein Wunder, ist ja auch jeder, aber auch jeder Gehweg mit Blindennoppen und Blindenrillen ausgestattet. Durch diesen singenden und pingenden Teppich gleitet man, gefühlte 30 Zentimeter über dem Boden.

Schwefel und Schatten

Die Sakura, also Kirschblüte, ist hier gerade voll im Zenit, wie man dem Sakurawetterbericht im TV, der täglich die Position der Sakurafront verkündet, sowie der knallharten botanischen Realität entnommen hat. Ganze Kirschbaumschwärme besiedeln den Berghang zwischen dem quirligen Strandbeppu und dem permanent dampfenden Bergbeppu. In zunehmendem Halbtrance torkelt man durch weißgepixelte Psychedelik. Und natürlich durch Dampf.

 

Fernsehbilder in X-Large auf allen Fassaden, riesige Kräne, die erdbebensichere Stahlträger in die Höhe heben, 24/7-Drogerien in grellsten Farben, Millionen von unverständlichen Zeichen auf Schaufenstern und Produkten, dumpfes Grollen aus den Pachinkohallen, das für Sekunden auf Düsenjetlautstärke springt, wenn jemand die Tür zur Straße öffnet, Treppen nach unten zu den Bars, Treppen nach oben zu den Bars, Members Only, auf jeder schmalen Parzelle ein achtstöckiges Haus mit übereinandergestapelten Bars, nur ein Zimmer gross, an der Fassade ein schmales hohes Schild, darauf Stockwerk und Barname, 1F bis 8F, alle mit Einwortnamen, mehr passt nicht auf die Schilder, ein paar Meter weiter das nächste, hunderte Meter geht das so, und in allen Quer- und Parallelstraßen auch, in ganz Umeda, und das ist nur eines von zwei riesigen Ess- und Ausgehvierteln in Osaka, das andere, Shinsaibashi, ist doppelt so groß.

Kräne im Lärm

Das erste, was man nach der Ankunft in Shanghai zu tun hat, ist, alle Reiseführer wegzuwerfen. Egal welche, egal wie aktuell, sie sind komplett sinnlos, weil die Angaben darin gerade mal ein paar Tage Gültigkeit haben, da das Shanghai zur Zeit komplett durch ein neues ersetzt wird. Die alte Millionenstadt gefiel ihnen wohl nicht, also haben sie sich einfach eine neue gekauft. Der tolle Xiangyang-Raubkopienflohmarkt - weg; die ganz neue Kneipenmeile - Brachland; der Gemüsemarkt - Baustelle; alles, was nicht Hochhaus ist, wird abgerissen und durch Hochhäuser ersetzt, geht man zu Fuss durch Shanghai, hofft man, dass zumindest der Weg vor einem nicht in den nächsten Sekunden verschwindet wie alles andere.