Lasst Berlin arbeiten! - neue Berliner Mischungen auf dem MakeCity-Festival

Die deutsche Hauptstadt sucht nach Wohnraum. Das Make-City-Festival präsentierte drei Häuser, die ihre ganz eigene Berliner Mischung von Wohnen und Arbeiten entwickeln

Berlin-Kreuzberg. Da assoziiert das Klischeegehirn sofort: Gegenkultur, Aufruhr, kulturelles Kunterbunt. Passt schon. Doch es gibt viele Kreuzbergs in diesem Bezirk. Es gibt die Partykieze. Die Gegend um das Kottbusser Tor, Brennpunkt im Guten wie im weniger Guten. Grüne Wohnsiedlungen, in denen das sympathisch-biedere Harald-Juhnke-Westberlin noch unberührt weiterlebt.

Der Nordwestzipfel Kreuzbergs ist eine Mischung aus all dem. Hier hat die linksliberale Taz ihren Sitz, hier taumeln Touristen um den nicht mehr existenten Checkpoint Charlie herum, hier hat in den 1980er-Jahren die Internationale Bauausstellung (IBA) recht erfolgreich Stadtreparatur betrieben. Die breiten Furchen der verkehrsgerechten Stadt der 1960er und deren Wohnburgen stehen unvermittelt direkt daneben, dazwischen Daniel Libeskinds Jüdisches Museum. Typisch Berlin: Hier steht nebeneinander, was irgendwie zusammengehört. Dazu gehört auch die kleine Werkstatt im sprichwörtlichen Hinterhof. Doch heute, wo Berlin händeringend nach Wohnraum sucht, besteht die Gefahr, dass die Mischung verlorengeht, die die Stadt ausmacht.

Berlin Remixing, Stadt neu gemischt, war daher das Motto des Festivals Make City, das vom 14. Juni bis 1. Juli in ganz Berlin stattfand. Das von Francesca Ferguson initiierte und geleitete Festival für Architektur & Andersmachen zeigte eine Fülle von Beispielen, die die kleinteilige Mixtur der typischen Berliner Baublöcke und ihrer kleinen Höfe, die nach James Hobrechts berühmtem Bebauungsplan von 1862 entstanden, wiederaufleben lassen. Drei davon liegen direkt nebeneinander, um die ehemalige Blumengroßmarkthalle zwischen Jüdischem Museum und Checkpoint Charlie.

"Heute werden viele kleine Unternehmen rausgeworfen, sobald im Haus neue Luxuslofts entstehen. Diese Entwicklung war für uns schon vor zehn Jahren absehbar. Wir steuern auf eine Gewerberaumkrise zu, der Markt hier ist leergefegt", erklärt Britta Jürgens, die gemeinsam mit Matthew Griffin das Architekturbüro Deadline führt. "Deswegen haben wir eine Initiative gegründet, die das bekannte Baugruppenmodell auf das Gewerbe anwendet." Baugruppen für das Wohnen sind in Berlin und in Wien längst etabliert, hier wurde das Prinzip erstmals für einen Gewerbeneubau angewandt. Der limonadenhaft-lustige Name Frizz 23 täuscht leicht über die Ernsthaftigkeit des Unternehmens und den enormen Aufwand hinweg, den diese Innovation mit sich bringt. Die 46 Gewerbeeinheiten, vier Wohn-Gewerbe-Einheiten, drei Wohnungen und 14 Minilofts der Baugruppe verteilen sich auf drei Grundstücke mit jeweils eigener Eigentümerstruktur, vom Verein bis zur Gesellschaft bürgerlichen Rechts (GbR). Die Nutzer kommen alle aus dem Kreativbereich, vom Architekturbüro über die Redaktion bis zum Konzertpianisten. Alle Einheiten wurden individuell mit den Nutzern geplant, noch dazu mussten für jeden dieser Nutzer (und deren Anwälte) die Finanzierung verhandelt und komplett neue Vertragswerke entwickelt werden.

Eine Mammutaufgabe, angesichts derer es umso mehr erstaunt, dass das Bauwerk, das im Herbst 2018 eröffnet werden soll, mit seiner ruhigen, schwarzen Holzfassade wie aus einem Guss wirkt. "Welche Kulturanbieter können sich heute Eigentum leisten? Nicht viele natürlich", erklärt Jürgens bei der Führung durch den fast fertigen Bau. "Aber viele der Beteiligten kommen aus Kreuzberg und wollten unbedingt den Standort sichern." Dass eine Stadt nicht nur wohnen, sondern auch arbeiten muss, sah auch der Berliner Senat. Für die Vergabe der städtischen Grundstücke um die ehemalige Blumengroßmarkthalle wurde daher ein sogenanntes Konzeptverfahren entwickelt. Das heißt: Nicht der Meistbietende erhält den Zuschlag, sondern derjenige, der das beste Konzept vorlegt. Architektur und Idee sind wichtiger als der Kaufpreis. Angesichts der notorisch klammen Berliner Stadtkasse ein bemerkenswert mutiger Schritt. 2011 waren alle Grundstücke vergeben, die Stadt verzichtete dabei auf rund eine halbe Million Euro, dafür können Baugruppen wie Frizz 23 sich die Räume leisten, die sie für ihre Idee brauchen.

Eine weitere Idee, die die Stadt überzeugen konnte, wurde auf der anderen Seite der ehemaligen Markthalle realisiert. Auch hier wird Wohnen und Arbeiten kombiniert, zwar rechtlich und logistisch weniger aufwendig, dafür räumlich komplex. Unter dem Namen IBeB (Integratives Bauprojekt am ehemaligen Blumengroßmarkt) entwickelten die beiden Architekturbüros Ifau und Heide & von Beckerath gemeinsam mit einer Selbstbaugenossenschaft eine Art Stadt in der Stadt. Nach außen ein simpler, eleganter Riegel, im Inneren führt ein Mittelgang als Straße mit fünf tageslichthellen Innenhöfen an Wohnungen vorbei, die teilweise auch gewerblich genutzt werden können. "Die zweigeschoßigen Studios, die wir Rohlinge nennen, erlauben den nachträglichen Einbau von Zwischengeschoßen", erläutert Verena von Beckerath. Im Erdgeschoß werden sich Gastronomie und Creative Industries ansiedeln. "Die Wohnnachfrage hier ist enorm, gleichzeitig braucht der Bezirk dringend Gewerbesteuer. Wir wollen mit unserem Projekt Produktion und Wohnen versöhnen", ergänzt Christoph Schmidt vom Büro Ifau.

Schön und gut, denkt sich da manch ein Besucher. Creative Industries, das ist zwar very Börlin, aber bedient das nicht wieder nur die Hipsterklientel, die den Ur-Kreuzbergern auf die Nerven geht? Diese Gefahr ist den politisch gewieften Architekten durchaus bewusst, und das dritte Projekt bemüht sich insbesondere darum, auch die Bewohner der umgebenden Kieze einzubinden. Das "Feld-fünf-Metropolenhaus am Jüdischen Museum" öffnet sein Erdgeschoß nicht nur direkt zum brandneu gepflasterten, sonnigen Platz, sein Konzept ermöglicht durch Kofinanzierung auch eine sehr günstige Miete für dieses Erdgeschoß und seine 400 Quadratmeter Projekträume, die jedem zur Verfügung stehen, der eine Idee hat. Dafür leisten die Käufer der darüberliegenden Wohnungen einen anteiligen Beitrag. "Ein lebendiges Erdgeschoß ist das Grundparadigma, damit eine Stadt funktioniert", erklärt Architektin Benita Braun-Feldweg vom Büro Bfstudio. "Wir wollen ein echtes Stadtteilzentrum werden und bemühen uns auch, über Kindergärten in Kontakt mit Migranten zu kommen." Jedes Haus eine Stadt in der Stadt, ein neues Zentrum von vielen für eines der vielen Kreuzbergs. Keine schlechte Berliner Mischung. Jetzt heißt es: An die Arbeit!

 

 

Erschienen in: 
Der Standard, 14./15.07.2018