Architektur

Zwischen Graswurzelinitiativen und Green Cities vom Reißbrett geht es in Asiens Städten in vielen Schritten vorwärts Richtung grüne Zukunft

Die in schöner Regelmäßigkeit in der westlichen Welt veröffentlichten Reportagen aus von Smog erfüllten Straßen in Peking und Delhi vermitteln ein bedauerlich einseitiges Bild von Fernost in Sachen Umwelt. Ganz klar: Die Geschwindigkeit, in der sich diese Städte und ihre Industrien in den letzten Jahren entwickelt haben, belastet die natürlichen Ressourcen wie Luft und Wasser enorm. Falsch ist es jedoch anzunehmen, dies wäre den Verantwortlichen und der Bevölkerung vor Ort nicht bewusst. Im Gegenteil: Die ambitioniertesten Ziele in Sachen Green Cities steckt man sich nicht in Mitteleuropa, sondern just dort, wo schon die kleinste Verbesserung große Wirkungen zeitigt: in den dynamischen Metropolen zwischen Pakistan und Japan.

Umweltsünder und Umweltschützer

So ist das viel geschmähte China in der Tat der Erzeuger der meisten Treibhausgase und der größte Energieverbraucher der Welt. Andererseits hat es beispielsweise Schanghai geschafft, sein Metronetz seit 1995 von null auf 440 Kilometer Länge auszubauen, und investiert seit einigen Jahren massiv in erneuerbare Energie aus Windparks. Guangzhou besitzt mit dem 71-stöckigen Pearl River Tower seit 2009 einen der energieeffizientesten Wolkenkratzer der Welt. Und Hongkong, seit jeher von Platznot geplagt, erhebt seit 2009 Steuern, um die acht Milliarden Plastiksackerln, die jährlich auf seinen Müllhalden landen, zu reduzieren.

Der Architekt Harry Glück hat in Wien Tausende von Wohnungen gebaut. Mit dem Falter sprach der 88jährige über sein Lebenswerk und verriet, was Alt-Erlaa mit Hölderlin zu tun hat.

Gerade mal 33 Jahre ist er alt, der verspiegelte Bau an der Rathausstraße, und schon ist sein Ende so gut wie besiegelt: Das Rechenzentrum der Stadt Wien zog letztes Jahr an den Stadtrand, der Altbau steht leer. Zur Zeit läuft ein ergebnisoffener Wettbewerb für den Standort, dessen Ergebnisse im Herbst präsentiert werden. Beim Bundesdenkmalamt sieht man keine Veranlassung, den Bau unter Schutz zu stellen, denn der maßgebliche Beitrag seines Architekten zur Baugeschichte, so Friedrich Dahm, Landeskonservator für Wien, auf Anfrage des Falter, liege ohnehin im Wohnbau.

Der Architekt ist Harry Glück und sieht das ähnlich: Er blickt auf ein enormes Oeuvre an Wohnbauten zurück, darunter einer der bekanntesten in Wien überhaupt: Der anfangs umstrittene und seither als geglücktes Beispiel großer Stadtrand-Wohnblocks geltende Wohnpark Alt-Erlaa. Auch heute ist der mittlerweile 88jährige Architekt noch aktiv. Ich traf ihn (und Bullterrier Paula) zum Gespräch in seinem Josefstädter Büro mit Blick ins Grüne.

Harvard-Ökonom Edward Glaeser erklärt, was wir aus Detroits Bankrott lernen und warum Städte trotzdem das Beste sind, was wir haben

Als die einstige Motor-City Detroit am 18. Juli Konkurs anmeldete, war dies nur ein weiterer Schritt auf dem langen Weg nach unten. 18,5 Milliarden Dollar Schulden, 78.000 leerstehende Gebäude, ein sinnloser People-Mover, der über leere Straßen schwebt. Hatte die Stadt zu Boomzeiten 1950 noch 1,8 Millionen Einwohner, sind es heute nur 700.000. Für die Kosten für Infrastruktur und Alterspensionen kann Detroit längst nicht mehr aufkommen, Polizei und Rettung funktionieren kaum noch.

Detroit ist mit Abstand die größte der 650 US-Städte, die seit 1937 Bankrott angemeldet haben. Seitdem wird überlegt, das Tafelsilber zu verscherbeln, vom Flughafen bis zu den Kunstwerken am Detroit Institute of Fine Arts. Auf der anderen Seite beginnen einzelne Bewohner, Gärten auf den verwilderten Brachflächen anzulegen, Künstlerkollektive kaufen leere Häuser für eine Handvoll Dollar. Kann sich die Stadt also wieder aufraffen? Und wenn ja, wie?

In seinem Buch "Triumph of the City" hat der Harvard-Wirtschaftsprofessor und Stadtökonom Edward Glaeser die Gründe für den Niedergang des einst von Erfindergeist erfüllten Detroit beschrieben - und nennt die "wissenszerstörende Idee" der Fließbandproduktion Henry Fords, Rassenunruhen und die Vernachlässigung von Bildung. Im Gespräch mit dem STANDARD erklärt Glaeser, warum manche Städte sich neu erfinden und andere nicht.

Ein moderner Idealist, ein technologisch versierter Humanist: Der Architekt feiert seinen 80. Geburtstag

Der Aufschrei unter den Pariser Bürgern war enorm. Das, was da mitten in ihrer geliebten Stadt aus dem Boden wuchs, war alles andere als prunkvoll. Ein Gewühl und Gewürm aus Rohren und Schloten, bunt wie ein Spielgerüst. "Die Rückseite eines Kühlschranks!", höhnten die Intellektuellen, und das war noch die harmloseste Schmähung.

In der Tat: Das Centre Pompidou hatte nichts von der steinernen Größe und hochkulturellen Gewichtigkeit, die Museen üblicherweise ausstrahlten. Es war nicht grand, es war im Grunde mehr Gerüst als Gebäude, aber es verfolgte andere, und ebenso französische, Ziele: Freiheit, Gleichheit und Brüderlichkeit.

"Ein Ort für alle Menschen, jeden Alters, jeden Glaubens, für Reiche und Arme" war der erste Satz, den seine britisch-italienischen Architekten Richard Rogers, Renzo Piano und Gianfranco Franchini sich notierten, als sie sich an den Entwurf für den Wettbewerb machten. Damals noch kaum bekannt, setzte sich das Team unter den 681 Einreichungen durch. Sie waren die Einzigen gewesen, die es schafften, das gesamte Programm auf der Hälfte des Baugrundstücks unterzubringen, die andere wurde zum öffentlichen Platz. Man weiß, wie die Geschichte ausging: Das lustige Museum mit der Glasröhrenfront wurde ein ebensolcher Erfolg wie der Platz davor.

Noch immer gilt in der Architektur das Sinnbild des männlichen Genies. Wie steht es um die Gleichberechtigung?

Eine ältere Dame sorgt zurzeit in der Architektenszene für Aufruhr. Die amerikanische Architektin Denise Scott Brown (81) steht im Zentrum einer Diskussion um Gleichberechtigung und Starkult. Aber der Reihe nach: Mit ihrem Mann und Büropartner Robert Venturi verfasste Scott Brown 1972 das enorm einflussreiche Werk Learning from Las Vegas, heute gilt das Architektenpaar dank Bauten wie des Sainsbury Wing der National Gallery in London als Wegbereiter der postmodernen Architektur.

Eine Leistung, die 1991 folgerichtig mit dem Pritzker-Preis honoriert wurde - allerdings nur für Venturi. Bis zur ersten weiblichen Preisträgerin Zaha Hadid sollte es noch 13 Jahre dauern. Dies wurde mit Verspätung Anfang dieses Jahres Anlass für zwei Harvard-Studentinnen, eine Petition zur nachträglichen Auszeichnung Denise Scott Browns als gleichberechtigter Partnerin ins Leben zu rufen.

Unter den 18.000 Unterzeichnern fanden sich - neben Robert Venturi selbst - eine Reihe Pritzker-Preisträger wie Rem Koolhaas, Richard Meier, Wang Shu und Zaha Hadid. Das Preiskomitee, als weitgehend männlich besetzter "Boys' Club" bekannt, lehnte das Ansinnen im Juni ab. Was die beiden Initiatorinnen dazu veranlasste, die Plattform Design for Equality zu gründen. Der Grundtenor: Junge Architekten hätten heute ein völlig anderes Verständnis von kreativer Zusammenarbeit, die Zeiten des pompös-elitären Heroismus seien vorbei.

Unter Dach und vom Fach: Peter Zumthors Haus für den Werkraum Bregenzerwald ist Heimat für die Werkenden und Vitrine für deren Werke

Auf kaum eine austroalpine Gegend passt der Begriff Talschaft so perfekt wie auf den Bregenzerwald: keine Ortschaft, keine Landschaft, sondern ein loser Verband von Individuen. Am ehesten ähnelt diese tatkräftige Region mit ihren Streusiedlungen einem emsig summenden Bienenkorb. Zahllose Last- und Lieferwägen sausen auf den Straßen hinaus und hinein, beladen mit Rohstoffen und Endprodukten, und vollführen auf den Parkplätzen der Kleinunternehmen rangierend ihre Schwänzeltänze, die von neuen Absatzmärkten berichten.

Der Austausch von Wissen und Waren war hier schon immer eine Spezialität. Angefangen bei den Barockbaumeistern, die von hier ausschwärmten, um Kathedralen und Klöster zu bauen und ihr Können wieder hierher mitbrachten, bis zu den Baumeistern und Architekten von heute, deren hohe Baustandards dem Ländle zu weltweiter Anerkennung verhalfen.

Ungeknechtetes Selbstbewusstsein, Vernetzung und Wissenszufuhr sind auch die Grundpfeiler des 1999 ins Leben gerufenen Werkraums Bregenzerwald, eines Zusammenschlusses von rund 80 Betrieben nach Art der mittelalterlichen Zünfte. Der Verein bemüht sich um gemeinsame Stärke und um kontinuierlichen Fortschritt. Alle drei Jahre lobt man den Wettbewerb "Handwerk+Form" aus, in dem sich das talschaftliche Handwerk schöpferisch mit Designern von außen vereint.

Handwerkliche Finesse und Witz: Das Vorarlberg-Museum in Bregenz bringt PET-Flaschen und Lehmputz zusammen

Der erste Besucher kann es schon nicht mehr erwarten: Beherzt klettert ein kleiner Junge die Fassade des kantigen, weiß leuchtenden Baus ein Stück empor. Schließlich sind das doch Klettergriffe, die da aus dem Beton ragen, nicht? Oder doch etwa steinerne Blumen?

Geheimnisvoll und einladend zugleich steht das Vorarlberg-Museum, das am Freitag nach drei Jahren Bauzeit eröffnet wurde, zwischen Kornmarkt und Seeufer in Bregenz. Es ersetzt das frühere Landesmuseum an derselben Stelle aus dem Jahr 1905, ein typisches Regionalmuseum mit einer Sammlung, die ausgestopfte Vögel und Kisten voller Tonscherben genauso wie herausragende Werke der klassizistischen Malerin Angelika Kauffmann aus dem Bregenzerwald beherbergte.

Weder die Sammlung noch das mehrmals ungelenk umgebaute Museum waren also zeitgemäß. 2007 beschloss die Landesregierung Abriss und Neubau und ein vom damaligen Direktor Tobias G. Natter ersonnenes innovatives Museumskonzept. Den Wettbewerb für den 35 Millionen Euro teuren Bau gewannen die Vorarlberger Architekten Cukrowicz Nachbaur. Tobias G. Natter wechselte während der Bauzeit zum Museum Leopold nach Wien, ihm folgte 2011 Andreas Rudigier nach. Programmatisch stellt man sich breit auf, von den Römern bis zur Oral History von Migranten.

Der Neubau vervollständigt nun die kleine Kulturmeile aus Einzelbauten, die sich am Seeufer aufreihen wie etwa das kristalline Kunsthaus von Peter Zumthor, an dessen scharfkantiger Strenge jede kindliche Fassadenkletterei scheitern würde.

Für die Ausstellung "Splined Spheres" in Innsbruck loteten zwei junge Frauen das bauliche Potenzial von Schlauch und Pneu aus

In der von immer perfekteren Bilderfluten dominierten Architekturwelt scheint es oft so, dass zwischen täuschend realem Computerrendering und blitzblank fotografiertem Resultat kaum ein Unterschied besteht. Nicht einmal bei so gewagten Konstruktionen wie den gerne in ehrfürchtigem Staunen als "schwebend"  bezeichneten dynamischen Formen von Hadid, Gehry, Prix oder Delugan Meissl. Schwebend wird es angekündigt, schweben tut's am Ende. Überwältigung geglückt.

Es lohnt sich jedoch, zwischen diesen Zuständen der Schwerelosigkeit die Baustellen unter die Lupe zu nehmen: Enorme Massen an ganz und gar unfuturistischen Materialien werden dort zusammengetragen, um die luftigen Raumideen möglich zu machen: Akrobatisch gezimmerte Schalungen bringen den schweren Beton in die gewünscht gekrümmte Form, ganze Jahresrationen an Stahl müssen die enormen Kräfte bändigen. Die Technik des Eiffelturms für das Gedankengebäude aus dem Computer. Vielleicht wird man diese Bauten dereinst als Zeichen einer Übergangszeit einordnen, in der die räumlichen Ideen des 21. Jahrhunderts noch mit dem plumpen Handwerkszeug des 19. und frühen 20. Jahrhunderts operierten.

Der Harvard-Kunsthistoriker Joseph Leo Koerner über Wien als Stadt der Träume und des Unheimlichen, über Schweinsköpfe und seine österreichischen Wurzeln

Sein Deutsch ist maßgeschneidert präzise wie der Anzug. Der US-Kunsthistoriker Joseph Leo Koerner sitzt in der Wiener Secession, wo er einen Vortrag über Wiener Interieurs hielt. Koerners Vater, der Maler Henry Koerner, war 1938 aus Wien geflüchtet, die Großeltern kamen im Holocaust ums Leben. Nun erforscht Koerner jun. die Innenräume seiner Vergangenheit.

 

Entwickeln, verändern, verdrängen: Die jetzt eröffnete IBA Hamburg zeigt die Chancen und Gefahren der heutigen Stadtentwicklung

Hamburg, Waterkant: Obwohl von jeher in Bild und schmachtendem Seemannslieder-Ton zu einem Synonym verschmolzen, sind Stadt und Ufer erst in den letzten Jahren langsam zusammengerückt. Mit der brandneuen Hafencity entsteht, wo früher Docks und Speicher waren, eine kantige Waterfront, hochpreisig, schick und urban, gekrönt von der in Zeitlupe ihrer Fertigstellung entgegenwachsenden Elbphilharmonie (momentaner Hoffnungshorizont: das Jahr 2017).