Standard

Der Autor und Architekturtheoretiker Geoff Manaugh hat für sein Buch "The Burglar's Guide to the City" die Verbindungen zwischen Verbrechen und Stadtraum untersucht

George Clooney, der als Meisterdieb in "Ocean's Eleven" ein Modell des Raumes baut, in dem die zu erbeutenden Kasinomillionen liegen. Sherlock Holmes, der neblige Gassen und das Themse-Ufer entlangeilt und uns so ein akkurates Bild des viktorianischen London vermittelt. Die immer wieder scheiternden Panzerknacker, die in ihrem unstillbaren Drang, Dagobert Ducks Geldspeicher zu knacken, zu ingenieurtechnischen Höchstleistungen getrieben werden: Das Handwerk der Einbrecher ist ein eng mit Architektur und Stadt verwobenes. Der Amerikaner Geoff Manaugh, Architekturtheoretiker, Autor und seit 2004 Betreiber des renommierten Blogs BLDGBLOG, hat sich für sein neustes Buch "The Burglar's Guide to the City" mit genau diesen architektonischen Aspekten der Kriminalität beschäftigt. Dem STANDARD erklärte er, wie Einbrecher räumliches Wissen für ihre Zwecke benutzen, welche Städte am besten für Tunnels geeignet sind und was Architekten davon lernen können.

Die Zeit der genialistischen Einzelkämpfer in der Architektur geht dem Ende zu. Das mit dem Turner Prize ausgezeichnete britische Team Assemble bringt frischen Wind in die Branche

Der rituelle Aufschrei hatte in diesem Jahr einen besonders schrillen Sound: Als im Dezember der wichtigste Preis der britischen Kunstwelt, der mit 25.000 Pfund dotierte Turner Prize, an das Architektenteam Assemble vergeben wurde, war die Kulturwelt der Insel in Aufruhr: Das Ende des Turner Prize, eine Bankrotterklärung, ein Affront! Was hatte Architektur denn mit Kunst zu tun? Selbst für die an Skandalen und aufgeregten "Ist das noch Kunst?"-Diskussionen nicht gerade arme Geschichte des Preises (von Damien Hirsts eingelegtem Hai über Tracey Emins zerwühltes Bett, kopulierende Sexpuppen und protestierende Eierwürfe bis zu den unvermeidlichen Wortmeldungen von Prince Charles) war das ein Novum.

Graz 2003, Linz 2009 – was kommt als Nächstes? Im Jahr 2024 wird Österreich wieder eine Kulturhauptstadt stellen. Eine engagierte Schar von Architekten, Aktivisten und Studenten will die Auswahl nicht den Beamten überlassen

Vor genau einem Jahr knirschte es in einem belgischen Gebälk. Aus der spektakulären Wolke aus rot bemalten Holzlatten, die der heimische Künstler Arne Quinze im Stadtzentrum von Mons installiert hatte, krachten Anfang Jänner 2015 mehrere Stücke zu Boden. Kurz darauf wurde das gesamte 400.000 Euro teure Kunstwerk aus Sicherheitsgründen eingestampft. Was ein feierlicher Auftakt des Kulturhauptstadtjahrs hätte werden sollen, wurde eine unsanfte Landung noch vor dem Start. Dabei hatte man alles aufgeboten: einen neuen teuren Bahnhof von Stararchitekt Santiago Calatrava, der leider erst 2018 fertig wird, und ein Museum von Stararchitekt Daniel Libeskind, das aussieht wie ein B-Klasse-Libeskind-Museum aus der Serienproduktion. Am Ende des Jahres hatte Mons dennoch die angepeilte Marke von zwei Millionen Besuchern übertroffen. Ob dies ein langfristiger Erfolgsgarant ist und die Investitionskraftakte die wallonische Industrieregion auf Dauer kulturell beleben, wird sich erst noch zeigen.

Die Soziologin erklärt, wie Städte den Bedrohungen der Zeit widerstehen und für alle lebenswert bleiben können

"The Global City" machte Saskia Sassen 1991 bekannt, jetzt erscheint ihr neues Buch "Ausgrenzungen – Brutalität und Komplexität in der globalen Wirtschaft" auf Deutsch. Darin untersucht die US-Soziologin die zunehmende weltweite Vertreibung von Menschen aus ihrem Lebensumfeld – durch die Flüchtlingskrise akuter denn je. Kürzlich war Sassen auf Einladung der Vienna Art Week in Wien. Mit dem STANDARD sprach sie darüber, wie unsere Städte den Bedrohungen der heutigen Zeit widerstehen und für alle lebenswert bleiben können.

Sie kommen gerade aus Paris. Die Stadt steht unter Schock, und in Brüssel herrschte Ausnahmezustand. Wie können unsere Städte mit der Bedrohung von Angst und Gewalt umgehen, ohne ihre Offenheit zu verlieren?

Sassen: Die beste Verteidigung ist, die Diversität zu erhalten und darauf zu achten, dass jede Bevölkerungsgruppe wirklich Teil der Stadt ist. Paris ist im Prinzip so eine offene Stadt. Städte haben schon zahllose Machthaber überlebt: Regierende, Könige, Großunternehmen – die sind heute alle tot! Aber die Städte, in denen sie ihre Macht ausübten, leben immer noch. Wir müssen die Städte offen und beweglich halten.

Wie können wir das erreichen?

Sassen: Eine Stadt kann man, anders als einen Gewerbepark, nie ganz kontrollieren. Die Unterschiede sind zu stark, es gibt zu viele Schwerpunkte und Schnittmengen. Eine echte Stadt, die nicht nur ein dicht bebautes Megaprojekt ist, ist ihr eigener bester Freund.

Vor kurzem wurde der Wettbewerb "Wien-Museum neu" entschieden. Damit gehen jahrelange Standortfragen und Denkmalschutz-Diskussionen zu Ende. Das Siegerprojekt von Čertov, Winkler+Ruck liefert erfreuliche Antworten

Der Karlsplatz, so das bekannte und noch gültige Bonmot von Otto Wagner, ist weniger ein Platz als eine Gegend. Ein Durcheinander von Wegen und Inseln, umstellt von ba lichen Schwergewichten. Viele haben versucht, diese Gegend in den Griff zu bekommen. Geworden ist daraus eine Grabstätte ungebauter Ideen – auch jener von Otto Wagner selbst, der mit seinem Entwurf für ein neues Stadtmuseum 1902 der Lösung schon sehr nahe kam. Seinem Bau wäre es immerhin gelungen, der dominierenden Karlskirche keine Konkurrenz zu machen und trotzdem selbstbewusster Stadtbaustein zu sein.

Das Deutsche Architekturmuseum Frankfurt startet eine Kampagne zur Rettung des vielgeschmähten Brutalismus der 70er Jahre. Denn dieser erfährt gerade neue Wertschätzung. So auch das akut vom Abriss bedrohte Kulturzentrum in Mattersburg.

40 Jahre: Das Alter, in dem Humanoide gerade ihren ersten Lamborghini kaufen, berufsjugendlich aufs Longboard klettern, den Agenturjob hinwerfen und sich Jungwinzer-Visitenkarten drucken lassen, ist für Gebäude des gefährlichste überhaupt. Wenn sich die ersten Zipperlein zeigen, stehen Bauwerke am Scheideweg zwischen Abriss, Neuentdeckung und Denkmalwürdigkeit. Besonders gefährdet sind diejenigen, die ihr kritisches Alter zum Höhepunkt der Vollwärmeschutz-Euphorie erleben (nämlich genau jetzt) und entweder im bauphysikalischen Rausch komplett abgerissen werden oder unter einem Einheits-Plastikpullover verschwinden.

Genau dieses Schicksal erleiden zur Zeit die hassgeliebten Bauten aus der Zeit des Brutalismus: Die wuchtigen, aus Sichtbeton zu skulpturalen Gebirgen geformten Kirchen, Schulen, Krankenhäuser und Universitätsbauten, die in den 60er und 70er Jahren vor allem in der Schweiz, den USA und Großbritannien entstanden. Oft als "Betonmonster" geschmäht, waren sie nicht selten progressive baukünstlerische Statements, bautechnisch solide ausgeführt, und funktionell durchdacht. Andere waren als Teil des technokratischen "Bauwirtschaftsfunktionalismus" vor der Ölkrise 1973 tatsächlich vor allem auf maximale Masse aus.

Trotzdem werden auch die besten unter ihnen nicht von der Abrissbirne verschont. Gleichzeitig wächst das Interesse an dieser rauen, charakterstarken Architektur. Handeln ist also geboten, solange die "Monster" noch zu retten sind.

Unter dem Titel "Post City" zeigt die Ars Electronica Linz Ideen für die Zukunft der Städte zwischen Hightech und Lowtech

Eine geräumige silberne Blase auf Rädern, darin vier bequeme Sitze zum Durch-die-Stadt-Gleiten und Touchscreens an der Innenseite. Der F015 von Mercedes, ein Prototyp des fahrerlosen Autos, ist einer der Hingucker bei der diesjährigen Ars Electronica in Linz.

Dort steht das Gefährt recht sachlich in der Ausstellung "Future Mobility" herum, ganz ohne albernen Automobilmessen-Lasershowbombast. Im Gegeneil: Ruppiger Beton und gepresstes Altpapier bilden den atmosphärischen Rahmen für das Leitthema "Post City", denn heuer findet die Ars Electronica in den weitläufigen Hallen des ehemaligen Postverladezentrums am Bahnhof Linz statt, das 2014 nach kaum mehr als 20 Jahren aus Platzgründen aufgegeben wurde. Die Mehrdeutigkeit des Begriffs – Poststadt, Stadt nach der Stadt, Stadt der Zukunft – liegt mehr als auf der Hand.

Eine zweite, unvorhergesehene Mehrdeutigkeit tat sich pünktlich zur Eröffnungswoche auf, als nur wenige Meter hinter dem Mercedes die Züge mit Flüchtlingen in Richtung Deutschland rollten, von Linzer Helfern spontan auf dem Bahnsteig mit Wasser versorgt. Eine ganz andere Art von "Future Mobility", die die Städte unserer Zukunft ebenso prägen wird wie Hochtechnologie.

Kaum ein Architekturbüro steht mehr für New York als Diller, Scofidio + Renfro. Ob der High Line Park oder das MoMA, immer bewegen sie sich an der Grenze von Kunst und Architektur. Elizabeth Diller erklärt, warum.

Sie sind die Tausendsassas der Architektur: Bücher, Kunstinstallationen, Theater, und millionenschwere Museen wie das ICA in Boston oder die Erweiterung des Museum of Modern Art in New York. Weltberühmt machte das Büro Diller, Scofidio + Renfro aber ein Park: Der 2006 bis 2014 realisierte High Line Park auf einer aufgegebenen Bahntrasse in Manhattan wurde binnen kurzem zum heißgeliebten urbanen Treffpunkt mit Selfie-am-Laufsteg-Mehrwert und zum umstrittenen Kristallisationspunkt für den Immobilienboom in New York.

Ende Juni war Elizabeth Diller zu einem Vortrag an der Kunstuni Linz geladen. Ein Gespräch über das alte und neue New York, die Welt zwischen Kunst und Architektur und die Gefahr des Erfolgs.

 

Das "Neunerhaus " in Wien bietet Obdachlosen ein Zuhause auf dem Weg in die Normalität. Mit Architektur, die mehr ist als nur Norm

Ich fühle mich hier sehr gut aufgehoben", sagt Ernst S. und blickt aus seinem Fenster im dritten Stock in den Hof. Gut, er sei zwar ein Naturmensch, deswegen habe er kurz gezögert vor dem Einzug im April. Viel Grün gibt es nicht auf der Eckparzelle im dritten Bezirk. Aber der Prater ist nur wenige hundert Meter entfernt. Zum Angeln fährt er zum Wienerbergteich.

Ein Tisch, zwei Stühle, Bett, Regal, Küchenzeile, 25 Quadratmeter – eine der 73 Wohnungen im "Neunerhaus", das Ende Juni eröffnet wurde. Nicht lange ist es her, da wohnte der heute 58-Jährige ganz anders. Vier Jahre lang auf einem Dachboden, im eisigen Winter unter mehreren Decken, im Sommer war es brütend heiß. Seine Papiere wurden gestohlen, von einem Überfall trägt er noch eine Narbe. Heute hat er sein eigenes Reich hinter seiner eigenen Tür – im wohltemperierten Passivhaus. "Es ist schön ruhig hier."

Die millionenschwer erweiterten Swarovski-Kristallwelten boten drei Architektenteams Gelegenheit für facettenreiche Assoziationen

Es sind ja oft die kleinen Dinge im Leben, die wahre Freude machen. Das weiß jeder Glückwunschpostkartenversender und Spruch-Tassen-Verschenker. Das ist in der Architektur nicht anders. Ein spezielles, schrulliges Kapitel der Baugeschichte sind die Aufträge reicher Mäzene, etwas Kleines, Unterhaltsames auf ihren ausufernden Ländereien zu errichten.

Die englische Gartenkunst kennt ihre "Follies", architektonische Spielereien, exzentrische Kulissen in arkadischen Gärten, gerne als wilder Ritt durch die antike Baugeschichte nach Gusto des Finanziers. Auch italienische Residenzen kennen ihre Türmchen, und Schönbrunn hat seine Ruinenarchitektur. Das ist mal harmlos, mal albern, mal dilettantisch, doch manchmal treffen gerade die funktionslosen, romantischen Bauten ins emotionale Herz der Baukunst. "All art is quite useless", wusste schon Oscar Wilde.