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Die europäische Stadt: Niemand kann sie genau definieren, doch sie wird weltweit eifrig kopiert - von Florida bis Schanghai, von Brasilien bis Las Vegas

"Wirklichkeit und Postkartenbilder", so besangen die nostalgischen Robo-Romantiker von Kraftwerk bei ihrem umjubelten Burgtheater-Auftritt letzte Woche in ihrem Stück "Europa Endlos" den Kontinent, den sie auf der LP "Trans Europa Express" durchfuhren. Ein Attest, das heute mehr denn je auf die europäische Stadt zutrifft. Denn die realen Stadtbilder von Venedig, Paris oder Barcelona sind als tausendfach reproduziertes Produkt zur sofort erkennbaren Marke geworden.

Wie der berühmte Fall der 2012 eröffneten Kopie des Weltkulturerbe-Ortes Hallstatt in der chinesischen Provinz Guangdong zeigt, lassen sich diese Bilder leicht kopieren - inklusive Palmen und Londoner Telefonzelle. Am anderen Ende des Globus werben die Hotel-Kasino-Komplexe der US-Spaßmetropole Las Vegas mit ebenso fröhlich verzerrten Versionen von Stadtbildern wie Paris, Venedig oder Monte Carlo. Einmal verkleinert mit halb so großem Eiffelturm, ein andermal als reine Motto-Dekoration für Hotelburgen wie bei den 36 Stockwerken des nach dem beschaulichen  Dorf Bellagio am Comer See benannten Großkomplex. Die europäische Stadt ist ein Exportschlager.

Das Rennen ist eröffnet, und Architekten aus aller Welt nehmen daran teil: Wer baut das erste Haus, das komplett aus dem 3-D-Drucker kommt?

Am 24. März stand US-Präsident Barack Obama in den Niederlanden vor einem schwarzen Stück Plastik mit den Maßen 1,5 mal 2 mal 2,5 Meter, das wie eine Mischung aus dem Monolithen aus Kubricks "2001" und einer nach außen gestülpten Gummizelle aussah. Der Quader ist der erste Baustein des 3D Print Canal House, entworfen von den jungen DUS Architects, das zurzeit in Amsterdam-Nord entsteht (siehe auch Artikel vom 2. Mai). Wenn es fertig ist, soll es das weltweit erste Haus sein, das komplett aus dem 3-D-Drucker kommt.

In typisch holländischer Mischung aus charmanter Frische und kalkulierender Selbstvermarktung wurde die auf rund drei Jahre angelegte Baustelle gleich zum Museum erklärt, Eintritt zwei Euro fünfzig. Für diesen Obolus kann der einzige Bauarbeiter vor Ort, ein Drucker namens "KamerMaker", bewundert werden.

Außen rau, innen rot-weiß: Mit dem Musikkens Hus im dänischen Aalborg wurde der erste Bau von Coop Himmelb(l)au in Skandinavien eröffnet.

Ob es der Eurovision Song Contest ist, der im Mai in Kopenhagen stattfindet, der reiche Fundus an Volksliedern, oder seriöse E-Musik: „Die Dänen feiern gern; sie singen noch viel lieber.“ Mit diesen Worten warnt jedenfalls ein Reiseführer augenzwinkernd den Besucher aus dem Süden. Und warum auch nicht? Anlass zum Gesang gibt es genug in einem gemütlichen Land mit der sympathischen Königin und dem hohen Lebensstandard. Paradebeispiel: Die 100.000-Einwohner-Stadt Aalborg in Nordjütland. Nirgendwo sonst in Europa sind die Bewohner so zufrieden mit ihrer Heimatstadt.

Wenn diese glückliche Kommune also ein Sinfonieorchester und ein Musikkonservatorium unter einem Dach vereinigen will, geschieht das ebenso selbstbewusst wie gemütlich. Der Ort war bald gefunden: Der ehemalige Kohlehafen am Limfjord, der wie ein breiter Fluss die Stadt durchquert, und dessen Ufer sich langsam zur postindustriellen Kulturmeile wandelt. Hier hat sich das Kulturzentrum „Nordkraft“ in der wuchtigen Industriekathedrale eines ehemaligen Elektrizitätswerks angesiedelt, ein paar hundert Meter weiter ein feines kleines Museum, das Jørn Utzon, dem Architekten des Opernhauses von Sydney gewidmet ist.

Architektur im Netz bedeutet heute vor allem: Schwimmen mit oder gegen die Bilderflut. Eine Bestandsaufnahme

2009 wurde Antonino Cardillo vom Trendmagazin Wallpaper unter die 30 wichtigsten Nachwuchsarchitekten gereiht. Dumm nur, dass sich später herausstellte, dass der junge Italiener bislang so gut wie nichts gebaut hatte. Denn die luxuriösen Wohnlandschaften, von denen Magazine wie H.O.M.E. und Build schwärmten, waren allesamt Renderings, also digitale Visualisierungen, scheinbar Computerspielen entsprungen und in unscharf mediterrane Umgebung implantiert. Cardillo quittierte es mit treuherzigem Achselzucken: In Italien sei es eben für junge Absolventen praktisch unmöglich, an Aufträge zu kommen. Und sei die visionärste Architektur nicht schon immer auch virtuell gewesen?

Wie sexy ist eigentlich moderne Architektur? Die Ausstellung "Playboy Architektur " in Frankfurt gibt Antwort: sehr sexy

Sie kommt nach dem Theater noch mit hoch, er legt eine Jazz-LP auf, sie holt sich einen Happen aus der Küche, er mixt Cocktails, man wechselt zur Terrasse, kommt sich vor der blinkenden Skyline näher. Nachdem diverse Designklassiker wie der Butterfly Chair und der Eero-Saarinen-Sessel umkurvt werden, endet der Parcours im Schlafzimmer.

Was wie die Kurzfassung eines Bildungsbürger-Pantscherls klingt, ist im Grunde die Legende zu einem architektonischen Plan. Zum Plan eines geschmackvollen, detailliert gezeichneten Designlofts, wie man es in einer Architekturzeitschrift erwartet. Und zum Plan einer sexuellen Eroberung in 25 Schritten, einem Handbuch für den James Bond in jedem Mann. Darüber der Titel "Playboy's Progress". Denn genau im Playboy erschien die Doppelseite 1954.

Raus aus der Opferrolle: Bürger in Südeuropa nehmen den Markt selbst in die Hand. Das Projekt "We-Traders" geht 2014 auf Tournee. Die Kuratorin Angelika Fitz im Interview

Bauruinen, Arbeitslosigkeit, leere Stadtkassen: Die Städte in Südeuropa sind von der Krise am stärksten betroffen. Doch jenseits des an Kaninchen vor der Schlange erinnernden, angstvollen Geredes von der Reaktion "der Märkte" entstehen heute Initiativen, die den Markt längst selbst in die Hand nehmen.

In Berlin wird Urban Gardening betrieben. In Turin und Toulouse werden Wohnhäuser selbst verwaltet. In Lissabon geht es darum, leerstehenden, für die Immobilienwirtschaft unattraktiven Wohnraum zu vermitteln. Und in Madrid macht sich eine engagierte Nachbarschaft jene Brachflächen zunutze, die aus dank der Krise gescheiterten Großprojekten entstanden sind.

Unter dem Namen We-Traders werden diese vielversprechenden Initiativen aus all diesen Städten im kommenden Jahr präsentiert. Konzipiert wurde das Projekt im Auftrag des Goethe-Instituts von der österreichischen Kuratorin Angelika Fitz und der Berliner Grafikerin Rose Epple. Im Gespräch mit dem STANDARD erklärt Angelika Fitz, was es mit der Renaissance des "Wir" auf sich hat und warum wir von diesen Städten gerade jetzt lernen können.

Pro und contra Verpackungswahn: Führen schaumgedämmte Fassaden in die Sackgasse? Architekten suchen nach Auswegen

Es ging hoch her, vor drei Jahren bei der "Konferenz zur Schönheit und Lebensfähigkeit der Stadt" in Düsseldorf. Damals gerieten sich ein junger grüner Oberbürgermeister und ein renommierter Großarchitekt in die Haare. Und das über ein so sprödes wie ödes Thema: Wärmedämmung.

Der Erste - Boris Palmer aus Tübingen - plädierte dafür, wenn nötig auch die jahrhundertealten Fachwerkhäuser seiner hübschen Altstadt in Styropor zu hüllen. Der andere - Hans Kollhoff - sah das Ende der Baukultur nahen. Es folgten Debatten über den "Dämmwahn", der Stuck und Klinker hinter Styropor verschwinden ließ.

Normenflut

Seither sind die lauten Streitgespräche in Deutschland und Österreich verklungen, doch das Thema ist nicht vom Tisch, im Gegenteil. Spricht man dieser Tage mit Architekten, hört man immer mehr Stöhnen über die zunehmende Flut an Normen, die Industrieprodukte in den Bau hineinreklamieren. Neben Brandschutz und Barrierefreiheit ist es vor allem die Wärmedämmung, die den Architekten Unbehagen bereitet. Fassaden flächendeckend mit Ölschlamm zuzukleben, das könne es eigentlich nicht sein. Trotzdem kommt man vor allem im Wohnungsbau heute um die 20 oder mehr Zentimeter Wärmeschutz kaum herum.

Dabei ließe sich das einheitliche Verpacken durchaus infrage stellen. Der 2011 vom Bundeskanzleramt veröffentlichte Baukulturreport analysierte, dass Bauten aus den Jahren zwischen 1945 und 1960 energetisch am schlechtesten abschneiden, vor allem Einfamilienhäuser. Hier sei daher durch Sanierungen am meisten herauszuholen. Dicht bebaute Stadtviertel stehen ohnehin nicht zu schlecht da.

Die Sofiensäle leben wieder: Das Alte wurde synergetisch aufgewogen durch einen Neubau, der dagegen eher alt aussieht

Es war eine Gesellschaft, die man sonst an diesem Ort selten antrifft: Was am Montagabend in der Marxergasse im 3. Bezirk opernhaft betucht den Taxis entstieg, war von eher erstbezirklicher und döblingesker Anmutung, in einer Gegend, in die sich sonst außer den Bewohnern gerade mal Hundertwasser-Touristen verirren. Die Wiedereröffnung der Sofiensäle verdiente es in der Tat, das zu oft verwendete Beiwort "feierlich".

Eine Feier, die wohl die meisten Gäste vor kurzem für unwahrscheinlich gehalten hatten. "Noch vor drei Jahren hätte niemand daran geglaubt, dass das möglich ist", so beschrieb es Projektentwickler Erwin Soravia. Exakt zwei Jahre ist es her, dass mit der Restaurierung des Veranstaltungssaals begonnen wurde. Mehr als zehn Jahre war dieser damals schon als dachlose Ruine dem Zahn von Zeit und Witterung ausgesetzt gewesen, nach dem verheerenden Brand im August 2001.

"Die letzten Monate waren absolut herausfordernd", so Oliver Schreiber vom Denkmalamt bei der Eröffnung. "Es ist nicht gerade alltäglich, ein Objekt in diesem Ausmaß partiell zu rekonstruieren." Die Erleichterung über das Happy End eines langen, zähen Ringens war ihm anzumerken. Kein Wunder: Denn in den langen, von Gleichgültigkeit, Vernachlässigung und Rat- und Tatenlosigkeit geprägten Leidensjahren des geschichtsträchtigen Etablissements war es vor allem das Denkmalamt gewesen, das die "Sofie" mit regelmäßigen Appellen aus dem scheinbar in alle Ewigkeit verlängerten Nahtoderlebnis befreit hatte.

Städte schrumpfen und wachsen, erfinden sich neu. Die Soziologin Anne Power erklärte, was "Phoenix Cities" sind

Wachsende und schrumpfende Städte waren das Thema der diesjährigen Baukulturgespräche beim Europäischen Forum Alpbach. Anhand des akuten Problemfalls Detroit und ausfransender Siedlungsteppiche in Mitteleuropa diskutierten die Fachleute zwei Tage lang darüber, wie man dieser gegenläufigen Trends Herr werden kann.

Die britische Professorin Anne Power forscht seit Jahrzehnten an der London School of Economics über Städte, Wohnungsnot und Armut. 2010 veröffentlichte sie das Buch "Phoenix Cities" über den Fall und Wiederaufstieg europäischer Industriestädte. Mit dem STANDARD sprach sie in Alpbach über Stadterneuerung, Supermaterialien und Martin Luther King.

Hässlich, kitschig, trist: Bausünden sind unsere liebsten Feinde. Die Architekturhistorikerin Turit Fröbe jedoch hat sie ins Herz geschlossen

"Schaut schiach aus!", lautet oft der reflexhafte Kommentar auf ungewohnte Baulichkeiten, ein Urteil, das meist nach einer Sekunde feststeht, worauf sich der Betrachter in selbstgewisser Empörtheit dann auch gleich wieder abwendet.

Bausünden sind ein beliebtes Ziel des kollektiven Fingerzeigens. Der Guardian vergibt zurzeit den Carbuncle Cup für das hässlichste Haus Großbritanniens, das Panoptikum flämisch-wallonischen Irrsinns "Ugly Belgian Houses" ist längst eine Internet-Berühmtheit.

Doch was ist eine "Bausünde" wirklich? Nachlässigkeit, Planungsbürokratie, Ignoranz der Umgebung gegenüber, Stilunsicherheit oder wild wuchernde Selbstbaupatchworks aus Baumarktmitbringseln: Es gibt Dutzende verschiedene Gründe, warum uns Bauten unangenehm ins Auge stechen.

Vielleicht greift die reflexhafte Häme also doch zu kurz? Die Berliner Architekturhistorikerin und Urbanistin Turit Fröbe sammelt seit Jahren bauliche Ausrutscher aller Art, die jetzt in Buchform erschienen sind. Warum es gute und schlechte Sünden gibt und warum man den liebevollen Blick benötigt, erklärt sie im Gespräch.