Architektur

Der Louvre-Lens bringt dank der japanischen Architekten SANAA mit Leichtigkeit Licht ins Dunkel des französischen Kohlereviers

Bergbau, Fußball, Flachland, Regen: Der raue äußerste Norden Frankreichs ist nicht gerade eine Urlaubsdestination. Die größten Besuchermagnete sind immer noch die Grabstätten des Ersten Weltkriegs, dessen Frontlinien hier tiefe Wunden schlugen. Mitten im Kohlebecken zwischen Lille und Arras gelegen, ist die 35.000-Einwohner-Stadt Lens eine der unglamourösesten und ärmsten dieser Region, überragt von zwei riesigen schwarzen Pyramiden aus Abraumschutt: Zeugen des Kohleabbaus, der in den 80er-Jahren zu Ende ging. Die zweite Erhebung: Die betonrohe Stadionburg des einstigen französischen Fußballmeisters RC Lens, der inzwischen in der Zweiten Liga dümpelt.

Von außen zeigt der neue Konzertsaal der Wiener Sängerknaben all zu deutlich die Umstände seines Entstehens. Im Inneren wartet dafür die Belohnung.

Dass das Drumherum der Architektur hineinredet, ist an sich nichts Schlechtes. Wenn das Drumherum jedoch zu laut ist, kann eine Idee zugrunde gehen. Am neuen Sängerknaben-Konzertsaal MuTh, der nach 10 Jahren und etlichen Namensänderungen jetzt fertig geworden ist, kann man das ausgezeichnet beobachten. Er ist genau dort gut geworden, wo am wenigsten hineingeredet wurde.

In Wien Mitte eröffnete vorige Woche nach jahrelangem Hickhack endlich "Wien Mitte The Mall". Also, ein bisschen jedenfalls.

Der Straßenzug Invalidenstraße und Hintere Zollamtsstraße ist nicht gerade einer der schönsten in Wien. Man könnte sogar sagen, er ist eine fast nahtlose Aneinanderreihung von Hässlichkeit, ein plumpes Bollwerk der Geschmacksverirrung zwischen erstem und drittem Bezirk. Vom formlosen Raiffeisen/W3-Komplex über die ungelenk verdrehte Klebeplättchen-Architektur des Justiztowers bis zum düster verspiegelten Gebirge des Rechnungshofs am Donaukanal.

Eine Ausstellung über die Sowjetmoderne im Architekturzentrum Wien erzählt von der Vielfalt das Bauens an den Rändern des Imperiums

Dass die flachen Weiten des Ostens von Minsk bis Sibirien eine Fülle von Geschichten bergen, bezeugt die Weltliteratur mehr als deutlich. Dass sich Erzählungen auch aus der vermeintlich in öden Apparatschikberichten dokumentierten Periode der Planwirtschaft destillieren lassen, zeigte zuletzt "Rote Zukunft", Francis Spuffords großartiger Doku-Roman-Hybrid über die vom Zukunftsoptimismus erfüllte Wirtschaftspolitik der Chruschtschow-Ära.

Im schicken neuen Bahnhof Tullnerfeld, der am 9.Dezember eröffnet, werden täglich die Intercitys halten. Fraglich bleibt, ob auch jemand aussteigt.

Der Streit zwischen Wolf Prix und David Chipperfield lässt vermuten, dass unsere Denkweise auch in globalisierten Zeiten noch lokal geprägt ist.

Es war irgendwann in der Mitte der 90er Jahre, als der damals frisch zum Jungstar avancierte Greg Lynn im Audimax einer deutschen Universität sein neuestes Projekt vorstellte. Lynn erklärte sein parametrisches Design, das durch in den Computer eingespeiste Umweltfaktoren, automatisch in permanenter Veränderung begriffene dreidimensionale Formen generierte. So etwas hatte man damals - Zaha Hadid hatte gerade mal ihr Vitra-Feuerwehrhaus vorzuweisen - noch nie gesehen. Der vollbesetzte Hörsaal lauschte fasziniert. Wie er nun auf die endgültige Form gekommen sei? Nun, erklärte Lynn fröhlich, er habe einfach in dem Moment auf "Stopp" gedrückt, in dem ihm die Form gefallen habe. Und genau so solle das nun auch gebaut werden.

Das Symposium "Superstadt" spekulierte über die urbane Zukunft. Ob optimistisch oder düster: Der Futurismus ist wieder im Kommen - Architekt Liam Young über die Stadt von morgen

Die Zukunft schien in der Architektur ziemlich altmodisch geworden zu sein. Seit den fliegenden Träumen der 60er, als Pop-Art- Büros wie Superstudio aus Italien und Archigram aus London ihre Walking Cities wie riesige psychedelische Yellow Submarines durch die Welt von morgen staksen ließen, ist der Blick nach vorn immer grimmiger, humorloser und pessimistischer geworden.

Nach dem Anschluss baute das NS-Regime in Linz 11.000 Wohnungen. Eine Ausstellung widmet sich den Hintergründen der "Hitlerbauten"

Im Dezember 1940, kurz nachdem das Dritte Reich den "Erlass zur Vorbereitung des deutschen Wohnungsbaus von 1940" beschlossen hatte, hielt Robert Ley, Reichskommissar für den sozialen Wohnungsbau, in einer Rede fest, was es mit dem Programm, das außergewöhnlich große Wohnungen vorsah, auf sich hatte: "Wenn eine Vier-Raum-Wohnung da ist, und dann stehen zwei Schlafzimmer leer, dann wird sie das Schicksal schon dazu zwingen, damit diese beiden Schlafzimmer voll werden." Kinder statt Zinsen, so lautete das Leitbild des Wohnens in Kriegszeiten. Wohnraum als Nährboden zur folgsamen Produktion einer wachsenden Volksgemeinschaft.

80 Jahre Werkbundsiedlung: Das Wien Museum zeigt eine Ausstellung über eine Ausstellung - mit einigen Überraschungen

Was sich da vor 80 Jahren, am 4. Juni 1932, auf einer sumpfigen Wiese in der Lainzer Hagenau am Wiener Stadtrand zutrug, war zweifellos ein Großevent. Eine Menschenmenge lauschte den Reden von Bundespräsident Wilhelm Miklas und Bürgermeister Karl Seitz, umringt von kunterbunt hingewürfelten, buntgetünchten und flachbedachten Kisten: die 70 Wohnhäuser der Werkbundsiedlung, die an diesem Tag eröffnet wurde.

Der diesjährige Londoner Serpentine Pavillon von Herzog & de Meuron und Ai Weiwei oszilliert zwischen Schalk und Selbstreferenzialität

Das seltsam niedrige Dach, das im morgendlichen Nieselregen des Hyde Park auftaucht, könnte man auf den ersten Blick für ein behelfsmäßigen Unterstand für triefende Jogger halten. Diese Funktion erfüllt es zwar problemlos, in erster Linie aber handelt es sich hier um den diesjährigen Serpentine Pavillon, den die Schweizer Architekten Herzog & de Meuron zusammen mit dem chinesischen Künstler Ai Weiwei errichtet haben. Es ist der mittlerweile zwölfte in der Reihe.