Architektur

Traum ist in der kleinsten Hütte: Als Folge der Krise erleben Minihäuser eine weltweite Renaissance, wie das Small House Movement zeigt.

"Ich hatte drei Kalksteine auf meinem Pult liegen, fand aber zu meinem Entsetzen, dass sie tägliches Abstauben benötigten, während mein geistiger Hausrat noch unabgestaubt dastand, und voller Abscheu warf ich sie zum Fenster hinaus." Mit diesen Worten beschrieb Henry David Thoreau in Walden, oder Leben in den Wäldern 1854 das konsequente Ausmisten alles überflüssigen persönlichen Besitzes beim Bau seiner asketischen Eigenbau-Holzhütte am Ufer des Walden Pond in Massachusetts. Als Dauermöblierung verblieb: Herd, Tisch, Bett, drei Stühle. Wohnfläche: 15 Quadratmeter. Die Kosten dafür, von Thoreau akribisch festgehalten: 28½ Dollar. Naturbetrachtung, unverfälschtes Erleben, klares Denken, das war allemal wichtiger als das Anhäufen toter Dinge als Besitz und Statussymbol.

Eine Ausstellung in Dornbirn zeigt den pragmatischen Surrealismus des hochproduktiven flämischen Architektentrios De Vylder Vinck Taillieu

Die Belgier, behauptet ein populäres Sprichwort, würden mit einem Ziegelstein im Magen geboren. Was weniger auf eine Vorliebe für schwerverdauliche Mahlzeiten als einen Drang zum Aufbauen und Besitzen von Eigenheimen in diesem Land anspielt. Dank der sehr liberalen Bauvorschriften mitunter eine Lizenz zum Chaos: Das Weichbild aus wild durcheinandergewürfelt in der Landschaft herumstehenden Häusern und Häuserzeilen, gerne mit Fliesen und Klinkern in Nikotingelb und Schmutzweiß verkleidet, hat schon manch einen Belgienurlauber verstört.

Eine Spielwiese für schrullige Selbstbauer - aber ein Mekka für Architektur? Bei Mode und Design ist Belgien seit den 1980er-Jahren avantgardistisch vorne dabei, bei den Baumeistern fällt das Land in der internationalen Wahrnehmung zwischen den emsigen Niederländern und den flamboyanten Franzosen oft durch den Rost.

Dabei hat sich hier parallel zu den Moderevolutionären wie den "Antwerpener Sechs" eine kleine, aber aufregende Architekturszene verfestigt, die zwar keine Weltstars gebärt, dafür in erfrischender, bisweilen ruppiger Sprödigkeit immer wieder zu überraschen weiß - passend zu diesem komplizierten Land mit seinen inneren Verwerfungen.

Das Museo Casa Enzo Ferrari verkörpert das Vermächtnis der Automobil-Ikone. Und auch das seines eigenen Architekten

Museumsdirektorin Adriana Zini legt letzte Hand an. Mit prüfendem Blick steht sie vor der Staffelei mit dem Foto des älteren Mannes mit faltigem Charaktergesicht und weißem Haar, der ganz in Schwarz gekleidet barfuß auf dem Boden sitzt: Jan Kaplický, der Architekt ihres Museums. Wenn das Erste, das man beim Betreten eines Gebäudes sieht, ein Porträt seines Erbauers ist, platziert vom Bauherrn selbst, dann muss schon eine seltene Verbundenheit dahinterstecken.

Es ist die Verbundenheit der Biografien zweier markanter Männer, von der das Museo Casa Enzo Ferrari in Modena, das am 12. März eröffnet wurde, erzählt. Die des illustren Motormagnaten, um dessen schlichtes Geburtshaus sich der Neubau mit konkavem Schwung respektvoll schmiegt, und die des Architekten vom Londoner Büro Future Systems.

Als dieses den Wettbewerb für den Neubau zwischen Bahnlinie und Stadtzentrum mit dem Entwurf eines geflügelten Dachs gewann, das mit seinen zehn Lüftungsschlitzen die Karosserie eines Rennwagens evozierte, war dies ein Ergebnis, wie es logischer und zwingender nicht sein konnte. Schließlich hatten Future Systems von allen Hightech-verliebten Formfindern schon immer die elegantesten Kurven im Stall.

Städte sind nicht nur materielle, sondern auch intellektuelle Ressourcen. Doch welche Idee von Stadt hat die Smart City Wien eigentlich? Und wie sieht sie aus?

Eine einstündige Führung durch das MediaLab am MIT in Cambridge, Massachusetts, und man ist restlos bedient und hängt ehrfurchtsvoll erschöpft in der Ecke. “Aha! Hier wird also alles erfunden, was es auf der Welt gibt”, denkt man, überwältigt von der Konzentration von Forschung, Innovation, Ideen, und natürlich auch sehr, sehr viel Geld auf erstaunlich winzigem Raum. Roboter hier, intelligente Textilien da, und ganz hinten die Abteilung Senseable Cities, die der vernetzten Stadt der Zukunft auf der Spur ist. Kein Wunder, dass das MIT im Times Higher Education World Reputation Ranking 2012 auf Platz 2 hinter Harvard gereiht wird. Die Wiener Hochschulen sind, wie hierzulande schlagzeilenträchtig bemerkt wurde, aus den TOP 100 herausgefallen.

Pur, klar und respektvoll gegenüber der atemberaubenden Bergkulisse: Die Meisterwerke zeitgenössischer Kellerei-Architektur in Südtirol verkünden das Ende des Jodelstils. Traditionsbewusst sind sie dennoch.

Der Beruf des Kellermeisters muss wohl einer der beneidenswertesten der Welt sein: Ein Alchimist des Genusses, der aus Wurzel, Rebe, Boden und Klima mit feinfühligem Forscherwissen hier optimierend, da probierend, ein perfektes flüssiges Resultat destilliert. Ganz ähnlich der Architekt. Auch sein Werk ist – im Idealfall – ein harmonisches Ergebnis der Landschaft und des Klimas, an dem es entsteht. Beide nützen die Gesetze von Mechanik, Chemie, Physik und Biologie, um die Haltbarkeit und Reife ihres Werkes zu vervollkommnen.

Folglich müssen Kellermeister und Weingutbesitzer die idealen Kunden des Architekten sein. Zumal die Traube auf ihrem Weg zum Wein eine ganze Abfolge von Räumen durchläuft, die ihre eigenen Anforderungen haben an Licht, Temperatur und Luftfeuchtigkeit. Kein Architekt, der bei einer solchen Aufgabe nicht genüsslich mit der Zunge schnalzt.

Tatsächlich ist die erstaunliche Entwicklung, die der Weinbau in Südtirol in den letzten Jahrzehnten zurückgelegt hat, Hand in Hand mit einem Aufblühen der Baukunst gegangen. Wo die neue Winzergeneration von Quantität zu Qualität umgeschwenkt ist und heute die richtige Rebe dem richtigen Boden zuordnet, statt wie früher fast schon wahllos auszubauen, hat sich ein weiterer Wandel vollzogen: In einer Region, in der früher Hotelburgen hochgezogen wurden, pflegen Architekten nun einen respektvollen Umgang mit der Landschaft und greifen vor Ort auf Materialien aus lokaler Produktion zurück. So ist Südtirol zu einem Magneten für Wein- wie Architekturbegeisterte gleichermaßen geworden.

Architekt Shigeru Ban ist mit Leichtbaukonstruktionen aus Papier weltweit bekannt geworden - Wie er jetzt den Tsunami-Überlebenden hilft

 

Was hat Sie als etablierten Architekten dazu bewogen, ein Netzwerk von freiwilligen Architekten zu gründen und sich der Katastrophenhilfe zu widmen?

Shigeru Ban: Ich war von meinem Berufsbild als Architekt enttäuscht. Wir Architekten arbeiten fast immer für die Privilegierten. Sie haben Geld, Macht oder beides und beauftragen uns, ihnen Denkmäler zu bauen, die diese Macht symbolisieren. Das war schon immer so. Mein Büro tut das genauso - im Moment bauen wir zum Beispiel ein Museum. Aber ich möchte meine Erfahrung auch für die Allgemeinheit nutzen. Das ist unsere Verantwortung! Wenn eine Naturkatastrophe passiert und in kurzer Zeit Notunterkünfte benötigt werden, ist von den Architekten meistens weit und breit niemand zu sehen. Dabei könnten wir hier vieles verbessern, wenn wir helfen. Also sollten wir das tun.

Ein Jahr nach Beben, Tsunami und Fukushima: Der Schutt ist weggeräumt, langsam beginnt der Wiederaufbau - Japans Architekten helfen nach Kräften dabei mit.

Dieser Tage, exakt ein Jahr nach dem verheerenden Erdbeben vom März 2011, veröffentlichte die japanische Regierung ein Papier namens "Road to Recovery", das den Weg zum Wiederaufbau detailliert. Um diesen zu koordinieren, wurde im Februar die Reconstruction Agency ins Leben gerufen. Diese soll dabei auf erneuerbare Energien setzen, denn die Wiederherstellung des durch Fukushima international ramponierten Images ist ein vordringliches Ziel. Doch für die 340.000 Japaner, die ihre Häuser, Dörfer und Angehörigen verloren haben, ist PR im Ausland zweitrangig. Bis feststeht, wo ihre Städte überhaupt wieder entstehen werden, brauchen sie ein Dach über dem Kopf.

Dominique Perrault baut in Wien das höchste Gebäude Österreichs. Ein Gespräch über die Herausforderungen der Donau-City

Für die noch unbebauten Teile der Donauplatte entwarf der französische Architekt Dominique Perrault den Masterplan, bestehend aus einer langen Terrasse zur Neuen Donau und den Zwillingstürmen der DC-Towers. Mit 220 Metern wird der zurzeit noch in Bau befindliche DC Tower 1 bei seiner Fertigstellung Mitte nächsten Jahres das höchste Gebäude Österreichs sein. Er wird den Millennium Tower um 18 Meter überragen. Der Baubeginn des zweiten Turms ist noch ungewiss. Heute, Samstag, wird Dominique Perrault auf dem Turn-On-Architekturfestival im Radiokulturhaus das Projekt vorstellen.

STANDARD: Die Donau-City hat es bis heute nicht geschafft, ein lebendiger urbaner Ort zu werden. Können die DC Towers das ändern?

Perrault: Die Straßenebene der Donau-City ist bis heute sehr unfreundlich und hat keine Verbindung zum Fluss. Dabei ist die Neue Donau und der Blick auf die Stadt hier das wichtigste Element. Als ich vor acht Jahren den Masterplan vorschlug, wollte ich eine besondere Skyline schaffen. Ganz einfach mit einer vertikalen Silhouette durch die Türme und einer horizontalen, einem funktionierenden Übergang zur Neuen Donau. Die Donau-City ist sehr hart, sehr mineralisch. Mit der Terrasse über die ganze Breite bringen wir ein weiches, landschaftliches Element hinein.

Zwischen römischer Strenge und den sanften Schwüngen des Jugendstils, zwischen kantigem Monumentalismus und erlesenen Stuckaturen: Die deutsch-italienische Rivalität im Bozen des frühen 20.Jahrhunderts wurde auch auf dem Feld der Architektur ausgefochten. Das Resultat ist eine einmalige und zugleich sehr europäische Mischung. Ein Stadtspaziergang von Ornament zu gerader Linie und zurück.

Burgen auf steilen Felsen, liebliche Weinberge und Obstplantagen, dramatische Gebirgszacken - die typischen Elemente der Südtiroler Landschaft. Mitten darin: Eine Hauptstadt, die dazugehört und doch völlig anders ist. Eingebettet, fast eingeklemmt in ein Tal, umrahmt von der theaterhaften Kulisse aus den besten und dramatischsten dieser alpinen Bestandteile, spielt Bozen auf dieser Bühne sein ganz eigenes Stück.

Als südlichste deutschsprachige und nördlichste italienischsprachige Stadt wurde sie am Anfang des 20. Jahrhunderts als wichtiger kultureller Außenposten von beiden Seiten besonders intensiv mit Bedeutung aufgeladen. Eine Säule war hier mehr als eine Säule, ein Ornament nicht nur reines Ornament - sie waren stolze Erklärungen von Zugehörigkeit. Weil Österreich Südtirol nach dem verlorenen Ersten Weltkrieg an Italien abtreten musste, erlebte Bozen binnen einer Generation gleich zwei Phasen des Aufbruchs, in denen die Architektur als Mittel der Eroberung eine Hauptrolle übernahm. So kann man wie in kaum einer anderen europäischen Stadt während eines einzigen gemütlichen Nachmittagsspaziergangs die filigranen Schwünge des Jugendstils, die fliegenden, scharfkantigen Linien der dynamischen Moderne und die schweren, einschüchternden Volumen des Monumentalismus erleben.

Wang Shu ist nicht nur der zweitjüngste Pritzker-Preisträger Geschichte, sondern auch der erste aus China

Das ist wirklich eine riesige Überraschung", sagte der gedrungene, schwarzgekleidete Mann. Wang Shu (48) war nicht der Einzige, der verblüfft auf seine Kür zum Pritzker-Preis-Träger reagierte. "Wang who?" dürfte auch in der Denkblase über vielen Architektenköpfen gestanden sein, als die Jury in Los Angeles bekanntgab, dass die mit 100.000 Dollar dotierte höchste Auszeichnung der Architektur dieses Jahr nach Fernost gehen würde.